Canyon Night Ride 300, oder was so alles schieflaufen kann...

von Julia Richthof

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Kaum meinen letzten Arbeitseinsatz nach Shanghai verdaut, heißt es auch schon die Luzie, mein Canyon Aeroad , für die nächtliche Ausfahrt und den langen Ritt zu präparieren. Der Akku-Pack der Lampe wird verklebt und verkabelt, die Lampe montiert und vorsorglich die Akkus der Sram Etap aufgeladen, die Klamotten zusammengesucht, über die Verpflegung nachgedacht, Riegel zusammen gesucht und die Tasche gepackt. Vor dem Start fühle ich mich eigentlich schon hundemüde und bei der Besprechung, wie alles abläuft, zische ich schon mal vorsorglich ein Red Bull. Teamkollege Siggi hat extra Muffins gebacken, die er großzügig verteilt. Es ist so schön, viele vom Gran Fondo Team wiederzusehen, und mit Conny ist auch eine zweite Frau mit von der Part(y)ie ;).
Vor dem Start gegen mir noch so einige Gedanken und Fragen durch den Kopf: Werde ich die Distanz überhaupt schaffen, hab ich die richtige Wahl an Klamotten getroffen, wird der Akku der Lampe halten, und, und, und...
Letzter Check und das Gran Fondo Team und etliche ehemalige Teamfahrer, die mit sind am Start sind, ordnen sich in die Gruppe mit dem 32iger Schnitt ein. Ob das nicht zu ambitioniert ist?!
Aufsatteln, treten, los geht´s, aber irgendwie funzt meine Schaltung nicht!!!!
Was ist da los, sitzt das Akkupack nicht richtig, hab ich es gar verloren? Ich schaue nach unten und ZACK, die Brille gleitet von der Nase und kracht auf den Asphalt, an Anhalten nicht zu denken, dem Geräusch nach zu urteilen hat sie es sowieso nicht überlebt. Schätze mal, da sind jetzt noch mal ca. 50 andere Radler drüber geballert. Ein Kloß im Hals, wie soll ich die Nacht überleben, ohne funktionierende Schaltung und ich als Heuschnupfengeplagte, meine Augen werden mir später knallrot rausfallen. Ich denke ans Aufgeben.
Ich pedaliere wie der Teufel, um den Schnitt der Gruppe halten zu können, dann der Geistesblitz: Akku tauschen, das vordere Kettenblatt werde ich nicht brauchen. Ich lasse mich zurückfallen und wechsle kurz die Akkus, wertvolle Minuten gehen verloren. Anschließend muss ich zehn Minuten Vollgas geben, um wieder an die Gruppe aufzuschließen. Meine Stimmung ist so lala, alles unnötig, hatte ich den Akku vielleicht nicht richtig aufgeladen?! Und meine schöne Brille...
Nach 70 Kilometer die erste Verpflegung mit den besten Cookies der Welt. Stimmung steigt. Mittlerweile gibt wohl mein Rücklicht auch den Geist auf, aber weiter geht´s. Die ersten 150 Kilometer sind geschafft, es rollt jetzt besser, zwischenzeitlich gibt es nette Unterhaltungen und der Stempel am Wendepunkt lässt hoffen, die Hälfte ist schon geschafft.
Die Nacht ist lang, feucht und ziemlich kalt, umso schöner dann dann das zarte Rot am Horizont, das den ersehnten Sonnenaufgang ankündigt. Nach 214 Kilometern macht auch noch mein Garmin schlapp, wahrscheinlich weil ich so anfängermäßig die ganze Nacht das Display auf volle Beleuchtung eingestellt hatte, außerdem hatte ich zusätzlich wohl die Wattkurbel nicht kalibriert. Den Rest zeichne ich dann auf dem Telefon über die Strava App ab, in der Hoffnung der erste Teil ist nicht futsch, denn: if it´s not on Strava, it NEVER happend, und das wäre das SCHLIMMSTE, was mir JEMALS passieren könnte ;)
Die letzten zwei Stunden rolle ich mit Andy Walzer von Canyon, der auch an diesem Tag noch Geburtstag hat. Nach exakt neun Stunden, mit einem unglaublichen 33iger Schnitt, ist der nächtliche Zauber vorbei.
Im Ziel angekommen, kann ich es noch gar nicht glauben: 300 Kilometer, Wahnsinn, alle happy, alle gut drauf, alle fast schon ein bisschen irre.
Blick in den Spiegel, das ist wohl ne fette Bindehautentzündung, wie gut, dass ich nicht aus Zucker bin.
Das nächste Mal bin ich besser vorbereitet, checke alles doppelt und dreifach. Wenigstens auf meine Chinalampe für 20 Euro war verlass, hell bis zum Mond und der Akku hat sieben Stunden gehalten, auch wenn sonst schon alles schief ging :)

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