Mein erster Radmarathon | Über Achterbahnfahren, Teerblasen & Nutellabemmen

von Sören Lehmann

Achterbahnfahren mochte ich noch nie wirklich. Ich weiß es noch ganz genau - in meiner Kindheit musste ich einmal mit der „wilden Maus“ fahren. Mit Vollspeed ging es hoch und runter, es war die Hölle. Und so schrecklich sich diese Erinnerungsschnipsel bei mir eingebrannt haben, so traumhaft schön empfand ich mein jüngstes Achterbahnerlebnis vergangenen Sonntag in Bielefeld. Mit teilweise über 80 Sachen rasten wir die Abfahrten herunter, mit nicht einmal 6 km/h „kletterten“ wir die steilsten Bergstücke auf zwei Rädern empor. Der 1. Alpecin-Teuto-Panorama Radmarathon war entsprechend meinem Motto, „raus aus der Komfortzone“, eine echte Grenzerfahrung.

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Morgenstund mit Bircher Müsli im Mund…

Sonntag, 4:45 Uhr, mein Handywecker schallt laut und unerbittlich los. Im wahrsten Wortsinn gibt es für meinen Zimmerkollegen Siggi kein Halten mehr. Es vergeht keine Sekunde, da steht er wie eine Eins neben Bett und Nachtisch, wo er das Raceoutfit bereits am Vorabend penibel ausgebreitet hat. Diese Fähigkeit verdankt er wohl noch seiner Zeit als Unteroffizier auf der Gorch Fock. Nach weiteren 10 Sekunden habe auch ich endlich festen Hotelboden unter meinen Füßen. Wahrscheinlich hätte ich damals unter Leitung von Unteroffizier Werkmeister (Siggi) für meine morgendliche Trägheit erstmal das Deck schrubben müssen. Oder halt irgendwas anderes putzen. So sauber polieren, wie unsere Canyon Aeroroads, die wir coolerweise mit aufs Hotelzimmer nehmen durften. Der Druck in den Reifen passte, der feuerrote Rahmen glänzte, es war alles angerichtet. Genauso wie das vorgezogene Hotelfrühstück. Extra für uns 10 Teamfahrer, gab es schon um 5 statt um 7 Uhr Kaffee und Brötchen, hausgemachtes Birchermüsli und sogar Penne mit Tomatensoße. Es fehlte uns an nichts. Okay, höchstens an Zeit, denn viertel sieben rollten wir auch schon gemeinsam zum Start des Radmarathons los. Der Wetterfrosch meinte es an diesem Sonntag gut mit uns. Die Sonne lachte uns zu, als wolle sie sagen: „Viel Spaß, den Sonnenbrand gibt’s heut‘ gratis dazu“.

Radmaraton, als komprimierte Lebensreise

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7 Uhr, ca. 120 motivierte Fahrer klicken sich in die Pedale. Wir rollen gemeinsam los, wenn auch nur kurzzeitig. Denn so homogen, wie wir die ersten Meter im Peloton fahren, so verschieden sind unsere Leistungslevel. Vom absoluten Rookie, über den ambitionierten Amateurfahrer, bis zum Ex-Tour-de-France-Teilnehmer – es war alles dabei. Und so kristallisierten sich die einzelnen Trüppchen schnell heraus. „Komm fahr‘ da mit, kämpf dich nochmal die 15 Meter heran“, redete ich mir anfangs ein. Gesagt getan. Bis kurze Zeit später wieder eine Lücke klaffte. „Ach was soll das, Sören?! Du musst hier keinem etwas beweisen, fahr dein Tempo!“. Es dauerte zwar kurz, bis ich letzteres gefunden hatte, dafür blieb mir dann aber auch der Mann mit dem Hammer erspart.

Die 235 Kilometer fühlten sich teilweise wie eine kleine Lebensreise an. Buchstäblich mit all ihren Höhen und Tiefen, mal tauchten neue Menschen (auf zwei Rädern) auf, mal musste man sich allein durchkämpfen. Und ein ums andere Mal ließ man einfach nur die Gedanken über die westfälischen Felder schweifen.

Es ist bereits Nachmittag, Teamkollege Dennis und ich kurbeln so langsam dem Ziel entgegen. Vor uns liegen die letzten ernsthaften Höhenmeter bzw. „Teerblasen“, wie unser Kölsche Jung Siggi sagen würde. Keine krassen 14-prozentigen Rampen, wie die des Köterbergs, aber durchaus herausfordernd nach 7 Stunden Fahrtzeit. Eine gute halbe Stunde später waren fast sämtliche der knapp 3000 Höhenmeter im Garmin verbucht und wir bereit, um an der letzten Verpflegungsstations kurz „nachzutanken“. Nicht weil wir es physiologisch gebraucht hätten. Nein, weil wir diese RTF natürlich auch genießen wollten. Kurz nochmal am Tee genippt, Beine und Nacken mit kaltem Wasser abgespritzt und genüsslich zur Nutellabemme gegriffen – kein Zeitstress, vielmehr Gelassenheit.

Die letzte halbe Stunde hatten wir uns zu fünft gefunden, sodass wir eine Art belgischen Kreisel bildeten . Jeder hielt mal kurz die Nase in den Westfälischen Gegenwind, um dann erst mal wieder nach hinten zu rotieren, durchzuschnaufen, bis der Spaß - achtung doppelter Wortsinn - wieder von vorn los ging.

„Nicht zu viel futtern, Kinders“

Nach etwas mehr als achteinhalb Stunden rollten wir wieder in Bielefeld ein. Ein Blick auf den Garmin verrät es mir genau: 6898 Kilokalorien habe ich heute verbrannt. Dem ausgiebigen Belohnungsmahl steht damit nichts entgegen. Wie ich diesen süßen Beigeschmack im Sport liebe! Wer viel sportelt, darf bei den Mahlzeiten ordentlich zu schlagen. Auch wenn Coach Jörg Ludewig alias „Lude“ da gern und immer mal wieder per Whatsapp-Gruß einhakt: „Jetzt den Reiz wirken lassen und nicht zu viel futtern, Kinders“. Recht hat er! Denn gerade heute, am Tag danach, merke ich es, wie der der Körper mehr Energie als sonst einfordert. Klar, hat er ja gestern mehrere tausend Kalorien mehr bekommen als gewöhnlich. „Warum heute wieder auf Sparflamme, Kollege?“, knurrt er mich an.

Aber alles halb so wild. Das Magenknurren vergeht, die intensiven Erinnerungen werden bleiben. Der 1. Alpecin Teuto-Panorama Radmarathon war eine gelungene Generalprobe für die große Schlacht – der Ötztaler Radmarathon wirft bereits seine Schatten voraus!

Hier geht's zum simulierten Streckenprofil des Radmarathons