Ötztaler Radmarathon - Es geht auch mit Gefühl

von Julia Luck

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Das war er nun also...der Ötztaler 2017! Lange hab ich darauf hingearbeitet (überhaupt den Startplatz zu bekommen!!) und am richtigen Tag zum richtigen Zeitpunkt fit zu sein! Der Ötztaler 2015 war mir so unglaublich positiv in Erinnerung geblieben, dass ich nun etwas Angst hatte, dieses Mal könnte es anders sein. Schon auf meiner "Testfahrt" das Kühtai hoch, knapp eine Woche vor dem Rennen fiel mir auf, wie wenig ich noch von dem Anstieg wusste. Die Erinnerung ist eben doch "trügerisch" :-)
Aber die Vorbereitung war den Sommer über gut gelaufen, ich hab fast alle wichtigen Einheiten ordnungsgemäß abgespult und fühlte mich stark in den Beinen! Selten war ich auch so entspannt vor einem Wettkampf. Diesmal hatte ich auch keine Angst vor dem Massenstart, nur etwas Sorge wegen der angekündigten Gewitter. Samstagabend um 22 Uhr war alles vorbereitet, die Geräte geladen, die Trinkflaschen gefüllt, die Klamotten bereit gelegt und es hieß: ab ins Bett! Erstaunlicherweise konnte ich auch schnell einschlafen und habe bis morgens um 4 Uhr, als dann der Wecker klingelte, gut geschlafen! Aufstehen, anziehen und frühstücken! Um 5:45 Uhr hieß es Abfahrt für das Team, runter in den Ort zum Start und da noch ein letztes kleines Fotoshooting vor dem RedBull-Startbogen!

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Um kurz nach 6 standen wir alle im Startblock und warteten auf den traditionellen Kanonenschuss, der um 6:45 Uhr abgefeuert wurde, und das Rennen frei gab. Und knapp eine Minute davor passierte es: ich wollte mein Garmin einschalten und alles was das Gerät sagt, ist "Akku schwach"....und geht aus! Mein Herz rutschte in die Kniekehlen...mein Puls raste und ich dachte nur: das darf doch jetzt nicht wahr sein!! Das muss ein Fehler sein! Ich hatte ihn am Tag davor doch noch vollständig aufgeladen!!! Ich versuchte weitere 3 bis 4 Mal erfolglos das Gerät zu starten, da ich dachte, dass ein Fehler vorläge... aber nein. Der Radcomputer war komplett leer und ich hatte nun keine Chance, unterwegs irgendwelche Werte zu bekommen. Alles, wonach ich bisher trainiert hatte (Wattzahlen und Puls), was mir der Coach als Marschtabelle für den Wettkampf vorgegeben hatte (und was ordnungsgemäß auf meinen Lenker klebte), war hinfällig. Keine Startzeit, keine Distanz, GARNICHTS! Auf der ersten Abfahrt nach Ötz fluchte ich pausenlos vor mich hin und überlegte unentwegt, wie ich denn nun dieses Rennen schaffen sollte. Als wenn man auf einmal nicht mehr Fahrrad fahren könnte, nur weil ein kleines Detail nicht funktioniert... Das Fahren an sich kommt ja dann doch noch durch den eigenen Körper und seine Leistungsfähigkeit zustande. Mir fiel ein Lauffreund ein, dem ähnliches beim Marathon in München passiert war. Er wollte Bestzeit laufen und seine Uhr ging nicht. Über die Hälfte der Strecke ist er also erstmal nach Gefühl gerannt, bis ihm einer seiner Supporter eine Uhr lieh. Und mit der Bestzeit hat es dann auch noch geklappt! Der Gedanke beruhigte mich etwas und durch die vielen Jahre (Leistungs-)Sport weiß ich auch, dass ich meinen Körper kenne und mich ganz gut auf mein Gefühl verlassen kann.

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In Ötz gab ich erstmal meiner dort wartenden Freundin den nun überflüssigen Garmin sowie meinen Pulsgurt und machte mich auf den Weg aufs Kühtai. Oben angekommen wartete der erste Alpecin-Support mit meinen Flaschen auf mich. Ich stieg vom Rad, um noch Knielinge und Weste auszuziehen und abzugeben. Einer der Supporter fragte, ob ich noch etwas bräuchte und ich erwiderte etwas gefrustet: "Ja, einen neuen Garmin!" Und er sagte nur: "echt? ich hab meinen im Auto liegen!" Ich war sehr überrascht und glücklich, nahm dankbar seinen Garmin an und fuhr weiter. Unterwegs versuchte ich, das Gerät mit den Sensoren an meinem Rad zu koppeln, schaffte es aber leider nicht. Das heißt Wattwerte hatte ich immer noch nicht, meinen Puls durch den fehlenden Gurt auch nicht, aber immerhin die Tageszeit, Höhe und aktuelle Geschwindigkeit! Damit arbeitete ich mich nun durch das Rennen (Kopfrechnen ist nicht meine Stärke und so hatte ich ja schön was zu tun unterwegs :-D )

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Zum Glück erinnerte ich mich noch ungefähr die Zeiten, die ich laut den Vorgaben vom Coach an den einzelnen Bergen fahren sollte, und am Timmelsjoch war dann klar, dass ich es noch gut unter 9 Stunden schaffen würde, so wie erhofft! Die angekündigten Gewitter waren bis dahin auch noch ausgeblieben und so konnte ich die letzte Abfahrt bis nach Sölden richtig genießen und nochmal Gas geben! Nach 8:38:56 Stunden kam ich sehr glücklich im Ziel an und war froh, vom Rad steigen zu dürfen. Ich hatte einen wirklich anstrengenden Tag hinter mir, aber es hat sich voll gelohnt! Und je weiter die Schmerzen unterwegs (Rücken, Arme,..) in Vergessenheit geraten, umso schöner wird wieder das Erlebnis durch diese wunderschönen Berge zu radeln und die angestrebte Zielzeit erreicht zu haben! Und genau da fängt die Erinnerung schon wieder an sich zu drehen :-D Schmerzen? Welche Schmerzen..... ES WAR GEIL (würde Sören sagen!).

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