Mein erstes Mal

von Julia Richthof

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Alle die mich kennen wissen, dass ich doch eigentlich nur "ein Mädchen bin, dass gerne Fahrrad fährt" und jetzt hab ich eine ganze Reihe von Wettkämpfen vor mir, die gewiss nicht einfach zu meistern sind. Jetzt ist er da, der Leistungsdruck, der eigentlich bei mir eher Gegendruck erzeugt: also locker machen, trotzdem diszipliniert sein, einfach mit Spaß an der Sache bleiben und weiter radeln.

Am 01.05. ist es dann soweit: mein erstes richtiges Radrennen, ein Klassiker in meiner Heimat, Frankfurt/Eschborn 110 Kilometer.
Einen Tag vorher hole ich brav schon mal meine Startunterlagen ab und begrüße meine Alpecin Race Familie und Jörg Ludewig, alle, die ich seit dem Teamtreffen in Bielefeld schon in mein Herz geschlossen habe.
Und dann stehen sie plötzlich vor mir, die Profis, die großen Boys in Rot. Umringt von Marco Mathis, Rick Zabel und Nils Politt und einem Gefühl von Ehrfurcht, Demut und Bewunderung werden noch schnell ein paar Fotos geknipst und dann heißt es auch für mich: fokussieren.
Im Vorfeld wurde ich schon gewarnt - vor Stürzen und Gerangel von ambitionierten Mitstreitern. Radfahren ist das eine, aber Radfahren im Windschatten, im Peloton ist doch eine andere Nummer.
Der Wecker klingelt schon früh, erster Blick zum Himmel: Petrus halte bitte NICHT was du versprochen hast, Unheil braut sich zusammen.

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Der Startschuss fällt und ich suche mir ein geeignetes Hinterrad, an dem ich die ersten flachen 40 Kilometer Kräfte sparend lutschen kann. Lieber erst mal defensiv fahren, schauen was mich erwartet.
Am Feldberg fahre ich nach Wattvorgabe mein eigenes Tempo, pünktlich zur Abfahrt setzt dann ein Starkregen ein und ich muss erst mal meine Carbonflanken einbremsen. Bergab sterben ich einige Tode, Abfahrt 88 km/h auf dem Display, nicht nachdenken, einfach rollen lassen.
Mittlerweile bin ich völlig durchnässt, habe eine Pfütze und mehrere Fische im Schuh, ich werde trotzdem nicht müde, den einigen, wenigen Zuschauern noch zurück zu winken, immerhin stehen die ja auch bei dem Wetter da draußen. Meine Beine werden gar nicht müde und machen immer weiter, wie eine kleine Nähmaschine, rattattaatt.
Zwischendrin gibt es immer wieder ein nettes "Hallo Julia, wie läuft's im Gran Fondo Team?", über die ich mich echt richtig freue, null Gerangel und "lebensgefährliche Situationen", die mich aus der Spur bringen.

Die letzten Kilometer bis ins Ziel drücke ich einfach durch, total durchgefroren aber glücklich, mit fettem Grinsen im Ziel, freue ich mich auch über die für mich ganz passable Zeit von: 03:47:06, Platz 33, in der Altersklasse Zehnte.
Wusste gar nicht, dass ich so mit den Zähnen klappern kann. Also schnell nach Hause, heiß duschen und Speicher wieder auffüllen.

Jetzt heißt es regenerieren und weiter im Trainingsplan, der zugegebenermaßen manchmal mit meinen Arbeitszeiten eine große Herausforderung darstellt.
Am 20. Mai steht ein weiterer Meilenstein für mich und meine Teamkollegen auf dem Programm: der Canyon Night Ride. 300 Kilometer lang mit Start um Mitternacht; wen ich die Distanz denn schaffe. Ich werde zwar einige Körner dabei lassen und Schmerzen haben, aber ich werde dem große Brocken "Ötztaler Radmarathon" vielleicht damit ein Stück weit weniger ängstlich entgegen blicken.
Bis dahin: keep on cycling! Mit Spaß am geilen Material, Druck auf den Pedalen und Fahrwind um die Nase. Alles was Julchen zum Glück braucht.

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