Claudia Beitsch über ihre Erfahrung beim Garmin Velothon

Rennrad-Rookie und Team Alpecin-Fahrerin Claudia Beitsch berichtet über ihr Debüt beim Garmin Velothon über die 120-Kilomter-Strecke.

berlin
© Hochzwei/Upsolut

„Am vergangenen Wochenende stand der Velothon in Berlin für uns Team Alpecinis auf dem Programm. Ich hatte schon viel davon gehört und das meiste davon war nix gutes. Sowas wie „3 Straße Krieg auf der Straße“ oder „Berlin? Da fahr ich nicht mit, das ist Mord und Totschlag" musste ich mir anhören. Aber wieder musste ich durch und ließ mir bis kurz vor dem Start nichts von meiner Nervosität anmerken.
Den Samstag verbrachte das Team bei schönstem Wetter in Berlin und wir schnupperten auf dem Eventgelände schon mal erste Rennstimmung. Die abendliche stylische Pastaparty im KU64 – einer abgefahrenen HighTech-Zahnarztpraxis auf dem Ku´damm – war ein kleines Highlight. Bei wahnsinnig guter Pasta in allen Variationen betrieben wir Carboloading über den Dächern Berlins. Sonntagmorgen um 7 Uhr hieß es dann Aufstehen, 8 Uhr war Treffen auf dem Parkdeck am Hotel, um letzte Einstellungen am Rad vorzunehmen und gegen 8:30 Uhr ging es in geschlossener Gruppe zum Start. Bis wir uns zum VIP-Startblock vorgearbeitet hatten, war es schon kurz nach 9 Uhr und ich hatte eigentlich fast keine Zeit mehr, um Schiss zu haben. Aber plötzlich überkam es mich und Linda, meine Heißdüse, hatte alle Hände voll zu tun, mich einigermaßen zu beruhigen. Sie impfte mir ein, dass ich nur den Start überstehen müsse und das halb so schlimm wäre, da wir eh 1eine Minute Vorsprung hätten, bevor mich 7000 testosterongeschwängerte Möchtegern-Rennradprofis überrollen würden. Und es wäre extrem wichtig, Windschatten zu fahren.
Super...dachte ich ...ich bin was das Windschattenfahren betrifft einfach talentfrei... ... aber Übung macht den Meister.
Es wurde wieder runter gezählt. Der Startschuss fiel und ab ging die Luuuuuziiiee...sofort war ich bei Puls 170, was sich im Laufe des Rennens noch steigern sollte. Babsi, Linda und ich fuhren die ersten Minuten zusammen und ich dachte mir, so könnte es weitergehen.
Bis ich plötzlich ein beängstigendes Geräusch hinter mir wahrnahm. Ein Grollen, Rufen, Schreien - und dann wurde ich von einem riesigen Schwarm übereifriger Rennradler eingefangen. Ich bekam leichte Panik und dachte nur an Lindas Worte - rechts fahren. Da blieb ich dann auch den Rest des Rennens.
Ich suchte mir immer wieder einen netten Arsch, an den ich mich ranhängen und mein Windschattentalent ausbauen konnte. Übrigens danke an die pinke Telekom-Buchse, die mich über einen langen Teil des Rennens mitgezogen hat....
Da das Rennen so unheimlich schnell und ich 150% damit beschäftigt war, nicht zu stürzen, den "für mich" optimalen Windschatten zu finden, sauber um die Kurven zu kommen und meinen Vordermännern nicht in die Speichen zu fahren, verging die Zeit wie im Flug und die ersten 50 km waren schnell vorbei.
Dann verlor ich plötzlich meine Gruppe und ich war allein auf weiter Flur. Scheiße dachte ich - wo ist der Windschatten? Der is‘ ja doch zu etwas gut und spart Kraft....
Dann hatte ich auch noch mit Krämpfen in den Waden zu tun, und ich wollte einfach nur noch zu Mutti, die irgendwo an der Strecke stand.
Da fiel mir das Tomatengel ein, das ich mir in die Trikottasche gesteckt hatte. Mehr schlecht als recht zwirbelte ich mir das Gel rein, wobei die Hälfte auf dem Lenker, meinem Trikot, meinen Handschuhen und einer Trinkflasche landete. Warum auch immer.....aber es half und meine Krämpfe verschwanden. Und prompt kam auch eine neue Gruppe angedüst, die auch noch eine für mich machbare Geschwindigkeit fuhr. Ich hängte mich dran und da war er wieder - meine neue Liebe der Windschatten ...
Ich klammerte mich dran und bis fast zum Ende des Rennens blieb der Windschatten bei mir. Die letzten 10 km in der Stadt wollte ich dann nur noch ins Ziel und übernahm bei einer kleinen Gruppe die Führungsarbeit, weil mir das zu langsam war... Dann vorbei an der Siegessäule und „rin“ in die Straße des 17. Juni... Ich wollte nur noch ins Ziel, und plötzlich hörte ich ein Jubeln und meinen Namen. Meine Family hatte mich gesehen, und sie waren außer sich vor Freude. Ich fuhr durchs Ziel und war einfach nur glücklich, dass das Martyrium ein Ende hatte..aber gleichzeitig machten sich unheimlich viele Glückshormone breit und alles war vergessen..

Also ich dann am nächsten Tage meine Zeit von 3:06 sah, hätte ich mir in den Arsch beißen können...Die 6 Minuten hätte ich wirklich schneller fahren können, damit ich unter 3 Stunden geblieben wäre. Dann muss ich nächstes Jahr doch nochmal starten..:-))...und dass ich mit meinem 80er Baujahr als Seniorin gelistet werde, find ich schon an bissl unverschämt...Wo soll das hinführen? ...