Die erste Saison mit dem Rennrad

Saisonrückblick von Team Alpecin-Fahrerin Martina Weber.
Ich erinnere mich noch genau an den Moment als ich die E-Mail las, dass ich unter den 300 Glücklichen bin, die sich für das Team Alpecin bewerben durften. Denn mit dieser Nachricht sollte eines der bisher schönsten Jahre in meinem Leben beginnen. Nachdem ich die Bewerbung ausgefüllt hatte, kamen zunächst die Zweifel: „Ist es vielleicht schlecht, dass ich bisher kein richtiges Rennrad gefahren bin? Bei einem Rennen oder Marathon war ich auch noch nicht dabei. Suchen sie vielleicht Leute, die Extremsportler sind? Warum sollten sie genau mich auswählen?“ Nach einem sehr unerwarteten Telefonat mit den Organisatoren kamen dann auch bald die von der Anspannung erlösenden Worte: „Du bist im Team Alpecin!“

Schon einige Tage später lernte sich das gesamte Team in Bielefeld zum ersten Mal kennen und wir wurden mit den gleichen Materialien, mit denen auch die Profis ausgestattet sind, überschüttet. Das Highlight war natürlich die Übergabe vom Rennrad.

Es dauerte einige Zeit das alles zu realisieren. Ich denke ein ähnliches Gefühl hat man bei einem Lottogewinn.

Schon eine Woche später traf sich das Team im Trainingslager am Kalterer See in Südtirol wieder - eine wunderschöne Zeit mit Techniktraining, gemeinsamen Ausfahrten und ausführlichem Input zum richtigen Training und gesunder Ernährung.
Kaum zurück in München begann das gezielte Training nach Plan und Wattmesser, während ich vorher bei meinen Ausfahrten ohne jegliche Struktur immer nur Vollgas gegeben hatte. Fünf Tage die Woche setzte mein Trainer Tim für mein Training an – bei jedem Wind und Wetter und auch wenn die Lust mal nicht so groß war. Dies erforderte eine hohe Disziplin und der Alltag musste gut durchstrukturiert werden, um Training, Arbeit, Freunde und Familie unter einen Hut zu bringen.

Nach einigen Wochen langsamer Grundlagenfahrten, bereitete ich mich mit gezieltem Intervalltraining auf meine ersten beiden Rennen im Rahmen der Bayernrundfahrt vor – das Einzelzeitfahren in Haßfurt und das Jedermannrennen „Rund um die Nürnberger Altstadt“. Während man beim Zeitfahren auf sich allein gestellt war und nicht von Windschatten profitieren konnte, lernte ich beim Rennen in Nürnberg, wie wichtig es ist, sich einer Gruppe anzuschließen um Kraft zu sparen und auch das taktische Verhalten während einem Rennen in einer Gruppe mit mehr als 12 Leuten.
Eine wertvolle Erfahrung die ich bei den 300 Kilometern der Mecklenburger Seen Runde berücksichtigte und daher sehr gut meisterte. Dieses sehr schöne Rennen kann ich Fahrern, die keine Bergflöhe sind aber dennoch eine Herausforderung suchen, sehr empfehlen.

Kaum waren die Eindrücke aus dem hohen Norden verarbeitet, stand schon einige Wochen später die gemeinsame Alpenüberquerung vom Starnberger See zum Kalterer See an. Hier wuchs das Team noch enger zusammen. Denn über vier Tage, geleitet von Ex-Profi Mario Kummer, gingen wird gemeinsam durch Höhen und Tiefen – nicht nur bezogen auf das Höhenprofil der einzelnen Etappen. Gemeinsam motivierten wir uns, bewältigen die härtesten Anstiege, genossen die Abfahrten und schoben uns gegenseitig an, wenn mal die Kraft ausging. Alleine hätte ich die Überquerung wohl nicht so gut gemeistert, aber durch das Team motiviert, vergingen die Etappen wie im Flug, die Anstrengungen waren schnell vergessen und die positiven Erinnerungen blieben.

Nach einer kurzen Erholungsphase ging das Training weiter in Richtung Vorbereitung für das 24h-Rennen am Nürburgring. Hier war für mich persönlich die größte Herausforderung nicht die „grüne Hölle“ mit den 26 Kilometern und den knapp 600 Höhenmetern sondern der Kampf mit der Müdigkeit. Dabei fuhren wir als 4er-Team und hatten somit längere Pausen zur Erholung. Faszinierend, wie Einzelfahrer das gesamte Rennen alleine bewältigen.

Nachdem nach einigen Tagen der Biorhythmus wieder hergestellt war, stand nun auch das endgültige Trainingsziel für mich fest. Nach langem Hin- und Herüberlegen und den Erfahrungen von der Alpenüberquerung, entschloss ich mich dazu, mich dem Ötztaler Radmarathon, eines der härtesten Jedemannrennen in Europa, zu stellen. Als kleine Vorbelastung standen vor meinem großen Tag in Sölden allerdings noch die Vattenfall Cyclassics in Hamburg an. Hier trafen wir am Tag zuvor sogar die Profis vom Team Alpecin und fuhren eine kleine Runde mit Simon Geschke. Der Höhepunkt des rasanten Rennens bei schönstem Wetter und mit über 20.000 Teilnehmern war die Überfahrung der Köhlbrandbrücke mit einem tollen Blick auf den Hamburger Hafen.

Schon das darauffolgende Wochenende stand endlich der Ötztaler Radmarathon mit der Überquerung von vier Alpenpässen an. Hier sollte sich herausstellen, ob sich die gut 8.000 Trainingskilometer, bestehend aus Grundlagenfahrten, Intervall-, Frequenz-, Bergtraining und Rennen, die ich seit Anfang des Jahres absolviert habe, gelohnt haben. Die Tage vorher waren geprägt durch ein Auf und Ab der Gefühle. Meine größte Sorge war, dass ich als „Bergschnecke“ zu langsam bin und vom Besenwagen eingesammelt werde. Zweifel daran, die 238 Kilometer und 5.500 Höhenmeter zu bewältigen, hatte ich eher weniger. Hier hieß das Zauberwort „Wattmesser“. Und so entwickelte sich der Marathon zu dem Highlight meiner Saison im Team Alpecin. Ganz nach dem Sprichwort in der Ruhe liegt die Kraft ließ ich am ersten Pass, dem Kühtai, gefühlt alle Fahrer an mir vorbeiziehen. Am, im Vergleich dazu, flachen Brenner konnte ich wieder etwas Zeit gutmachen. Der Jaufenpass offenbarte, wer den Beginn zu schnell angegangen war und seine Körner bereits verschossen hatte. So standen und saßen immer wieder Teilnehmer am Straßenrand, die eine Zwangspause einlegen mussten. Der letzte und härteste Pass des Marathons war das, bei brütender Hitze mit bis zu 35 Grad, zu erklimmende Timmelsjoch. Hier zeigte sich, wer seine Kraft richtig eingeteilt und vor allem den Willen zum finishen hatte. Und so strampelte ich auch diesen letzten Abschnitt, vorbei an vielen schiebenden Teilnehmern, das nie enden wollende Timmelsjoch hinauf. Oben angekommen ließen sich dann die Freudentränen voller Glücksgefühl nicht mehr verbergen. Es ist überwältigend, zu was man nach einem halben Jahr Training in der Lage ist. Großen Respekt auch an alle anderen Starter - nicht nur die Finisher - des Ötztalers, denn es haben mit Sicherheit alle ihr Bestes gegeben.

Viel zu schnell ist die Saison im Team Alpecin nun vergangen. Ich habe so viele tolle Menschen kennengelernt, meine Grenzen ausgetestet, viele wertvolle Erfahrungen in physischer und psychischer Hinsicht gesammelt, gelacht und geweint, unglaubliche Momente und Gefühle durchlebt und werde diese wunderbare Zeit nie vergessen. Danke Team Alpecin, dass ihr mir das alles ermöglicht habt. Meine Leidenschaft wurde zu meinem Leben - life is a beautiful ride.