Endura Alpen-Traum: Rennbericht

Team Alpecin-Jedermann Florian Blank über den Endura Alpen-Traum:

Hallo Freunde der körperlichen Ertüchtigung,

viermal hat sich ein Wecker in meinem 36jährigen Dasein auf dem Erdenrund getraut, den Schlaf vor 4:30 Uhr zu unterbrechen. Dreimal davon in diesem Jahr, dreimal zu Radmarathons, die wirklich weh tun, dreimal mit immer verrückteren Kilometer- und Höhensuperlativen.

Nun möchte ich euch das Vorspiel mit den müden Gliedern zur Morgenstund, dem (über Nacht in Sojamilch eingeweichten) Müsligenuss oder den üblichen Panikattacken vor Rennbeginn ersparen. Spulen wir also vor, bis die Action beginnt. Sonthofen im Allgäu, 06:25 Uhr, erster Startblock, Regen (hartnäckig bis zum Schluss, Petrus, du Pottsau). Zumindest kann man uns Alpecinis nicht vorwerfen, dass wir Schönwetterfahrer seien.

Zwei Wochen zuvor beim Ötztaler wurde das Timmelsjoch ganz feucht, als es von so vielen Rennradlern bestiegen wurde, nun herrscht Niedergeschlagenheit ob des starken Niederschlags kurz vorm Start zum großen Finale für die 12 Radapostel vom Team Alpecin. Auch die anderen 506 (laut Anmeldung) Teilzeitmasochisten würden dem frühen Vogel sicherlich lieber, warm eingekuschelt in einer Daunendecke, ein patziges „du kannst mich mal“ entgegnen, statt fröstelnd auf eine lange Reise quer über die Alpen nach Bella Italia geschickt zu werden.

Entgegen dem berühmten Marathonbruder Ötzi ist der Alpen-Traum kein klassisches Rundkursrennen. Die 252 Kilometer führen einen überwiegend in südlicher Richtung über das Faltengebirge, bis man Tage später dann die Ziellinie in Sulden überquert. Moment, diese Mörderdistanz mit den sechs Pässen soll an einem Tag vollbracht werden, es ist gar kein Etappenrennen? Was mach ich mit meiner Hotelreservierung in Landeck, ihr habt doch echt `ne Meise!

Ich bitte die geistige Entgleisung zu entschuldigen, zurück zum Topic! Startschuss, flach warmfahren (nichts einfacher als bei 6 Grad und Regen) bis zur ersten Steigung, dem Oberjoch.

Der kurvenreichste Pass Deutschlands schlängelt sich gemütlich mit schmeichelhaften 3,8 Prozent Steigung und noch schmeichelhafteren 353 Höhenmetern auf immerhin 1178 Meter. Die Ouvertüre, um der Muskulatur schonend beizubringen, dass die heutige Veranstaltung kein Kindergeburtstag mit Ponyreiten und Zuckerwatte wird.

Wir Alpecinis haben uns vor Rennbeginn zu taktischen Allianzen formiert. Im Gegensatz zum Ötztaler verteilen sich hier wesentlich weniger Teilnehmer auf mehr Strecke. Die flachen und leicht steigenden Überführungsetappen von Pass zu Pass sind lang und kräftezehrend. Wer hier alleine unterwegs ist, verbrät zu viele Körner, kann sich gleich in den benachbarten Nadelwald legen, um von Wölfen oder karnivoren Murmeltieren gefressen zu werden.

Angie, Alexandra, Anna-Maria, Michael, Sebastian, Christian und ich bilden die „Mittelschnell“ Allianz. Im Pass Nr. 2, einem echten Miststück von Steigung namens Hahntennjoch, verlieren wir uns selten aus den Augen. Hier geht es unmittelbar nach der Labe im Tal direkt über einen knappen Kilometer mit 12-15 Prozent steil gen Firmament. Der offensichtlich betrunkene Architekt hatte einst wohl vergessen, hier entschärfende Kurven einzubauen.

Mit 60er Kadenz und 175er Puls wird die Rampe gemeistert, unrhythmisch geht es zwischen 5-15 Prozent Steigung weiter, bis 947 Höhenmeter später Sascha und Daniel auf uns warten und mit Cola und Snickers die Lebensgeister reanimieren.

Der Regen hat auf 1.903 m (fast Mont Ventoux-Niveau) glücklicherweise nachgelassen, die Straße ist dennoch nass und gesunder Respekt vor der steilen Abfahrt bremst mich mehr als andere Teilnehmer, deren gewagtes Tempo auch mal zu Stürzen in den rutschigen Kurven führt. Glücklicherweise ist bis auf einen Oberschenkelhalsbruch nichts Schlimmeres während dem gesamten Rennen passiert. In Imst wird das Feld dann kollektiv auf Tempo 30 gedrosselt, die Österreichische Polizei überwacht mit Radarpistolen und Ordnungswidrigkeiten werden anhand der Startnummern geahndet. In der Ortschaft existiert sogar eine neutrale Zone, weniger wie in Star Trek zwischen Föderation und Romulanern, sondern ein Raum frei von Zeitmessung, um der Raserei durch uns Outlaws auf zwei Rädern Einhalt zu gebieten.

Gesetzestreu passieren wir die zwei Zeitmatten und eine größere Kolonne inkl. unserer illustren Solidargemeinschaft auf Zeit, den „Mittelschnellen“. Wir bewegen uns inmitten des hohen Verkehrsaufkommens Richtung Landeck. Nach flottflachen 35 Kilometern folgt die nächste kräftezehrende Höhenmeterarie, die Pillerhöhe. Ähnlich dem Hahntennjoch liegt auch hier die mittlere Steigung jenseits der 10 Prozent, eine Kehre weist gar 20 auf und assimiliert (um im Trekkie Jargon zu bleiben) mit jedem der 718 Höhenmeter meine wertvollen Kraftreserven.

Appell an alle, die sich von meinen Schilderungen nicht abschrecken lassen und Interesse an einer künftigen Teilnahme haben: Montiert euch eine 32er Kassette und überlasst die Heldenkurbel den Flachlandtirolern, Eisdielenposern oder den wenigen Auserwählten, die wirklich Bumms im Bein haben. Ich habe mich des Öfteren erwischt, wie ich über den 28er Kranz gegen Ende des Rennens mit schwindenden Kräften fluchte.

Den Endura Alpen-Traum zeichnet nicht nur die enorme Höhenmeterzahl von echten 6.078 Höhenmetern (!!) aus, sondern auch die Brutalität seiner Anstiege. Hahntennjoch, Pillerhöhe, Umbrail/Stelvio und das Finale nach Sulden sind vor allem eins, amtlich steil!

Die Sonne beglückt uns mittlerweile, die Regenjacke wird neben einer Heerschar Riegeln, Gels sowie Windweste und Langfingerhandschuhen in den Trikottaschen verstaut. Bei der Auffahrt hat sich unsere Gruppe sukzessive gesplittet, jeder fährt seinen eigenen Stiefel hoch. Ich hänge mich bei stolzen 9 km/h in den Windschatten unseres Düsseldorfers Sebastian und wir bilden fortan ein dynamisches Duo, das sich bis zum Einstieg am Reschenpass die Treue hält.

Die Abfahrt von der Pillerhöhe ist anspruchsvoll, bei den vielen engen Kehren und dem Gegenverkehr können kleine Konzentrationsschwächen böse Folgen haben. In Prutz haben wir schließlich die Hälfte der Rennkilometer, aber erst ein Drittel der Höhenmeter hinter uns gebracht. Es geht leicht bergauf (inkl. unnötiger Asphaltblasen) durchs Oberinntal, wir haben eine schnelle Gruppe gefunden, welche die folgenden 29 Kilometer mit einem 35er Schnitt (inkl. hemmendem Almabtrieb auf voller Straßenbreite) zurücklegt.

Kurz vorm Einstieg zum Reschenpass treffen wir auf Sascha und seinen Turbobulli, der uns mit Energie versorgt. Sebastian hat einen Höhenschlag am Vorderrad festgestellt und erhält Ersatz, ich pedaliere derweil locker mit All-Star Urgewalt Kei-Uwe weiter, dessen Knie ihn im Verlauf des Rennens einbremsen.

Für viele Deutsche beginnt mit der Fahrt über den Reschenpass erst der Urlaub, auch für meine Beine sind es kurze Ferien, denn die geringe Steigung gepaart mit überschaubarem Aufgebot motorisierter Verkehrsteilnehmer, eitel Sonnenschein und einer idyllischen Szenerie heben die Laune und senken den Puls.

Lange währt die Erholungsperiode nicht, denn die Labe kurz hinter Nauders ist im Nu erreicht. Bei der Nahrungsaufnahme gehe ich effizienter vor als noch beim Ötztaler, 35 Minuten verweile ich in Summe und konsumiere dabei weniger Kuchen und Herzhaftes. Bis zum Reschensee geht es erstmal einsam und alleine weiter. Am Ortsende Reschen überholt mich ein schneller Zug an den ich mich ankupple.

Die Jungs haben es Scheins sehr eilig, denn der Tacho zeigt über 40 Klamotten an. Mein Blick haftet an dem schnell rotierenden Hinterrad meines Vordermanns, Dümo Bürstner Cycling (ehemals Graakjaer) prangt in Rot-Weiß auf dem Trikot. Die semiprofessionelle Kombo hat beim GCC ein Abo auf Podiumsplätze, vielleicht eine Erklärung, warum wir so schnell durch die Walachei bolzen.

Die zügige Reise scheint Halluzinationen zu verursachen, ich bilde mir ein, dass ein Kirchturm aus dem Staugewässer ragt.

Unsere 10er Gruppe schmilzt schneller als der Schnee durch die intensive Sonneneinstrahlung auf den nahen Bergkuppen. Am Haidersee, wir fahren bereits jenseits der 50 km/h in der Ebene, sind wir nur noch zu dritt, ich lutsche wie ein hungriger Säugling und sehne mit steigendem Puls die Abfahrt herbei. Eine kleine Ewigkeit später dann Bremslatschen in Laatsch. Hier führt uns der Weg ins Val Müstair und zum Scharfrichter der Veranstaltung, dem Umbrailpass.

Das furchteinflößende Höhenprofil des Endura Alpen-Traum erinnert an eine Herzlinie, der Umbrail symbolisiert den Infarkt.

Keine 50 Kilometer, aber mehr als 2.400 Höhenmeter trennen uns noch vom Alpen-Traum. Dieser endet hier aber auch für viele Teilnehmer, denn das Zeitlimit ist taff und die Organisatoren gnadenlos, wenn jemand die Deadline überschreitet. Aus unserem Team trifft es hier mit Lukas, Jörn und Sascha drei meiner Mitstreiter, denen die weitere Rennteilnahme aufgrund lächerlicher 4 Minuten Zeitüberschreitung verwehrt wird.

Später muss auch Angie aufgeben, mit ihr habe ich mir gemeinsam das Timmelsjoch erarbeitet und hatte dort eine tolle Zeit.

Am Umbrail hat das lädierte Knie unserer ambitionierten Österreicherin nicht mehr mitgespielt. Sie trifft die Aufgabe am Härtesten, steckt sie doch voller Power und Ehrgeiz, lag zu dem Zeitpunkt sehr weit vorne. Angie, in 2015 rockst Du beide Radmarathons ohne körperliche Beschwerden. Das Stockerl wartet, ich hab da ein gutes „Gefüi“.

Konsequent steil (beinahe 9 Prozent bis zum Stilfser Joch) geht es nun 16 Kilometer lang auf die sagenhafte Höhe von 2757 Meter. Um einen plumpen Vergleich zu bemühen, unsere Zugspitze ist lediglich 200 Meter höher. Ein langer und beschwerlicher Anstieg. Wer an den Pässen davor zu kraftvoll in die Pedale trat, zahlt nun Lehrgeld.

Da mein Leistungsmesser die Regenschlacht am Timmelsjoch nicht überlebt hat und mich mit Fantasiewerten belustigt, verlasse ich mich bei den Uphills auf Gefühl und Herzschlag. Wie so oft zu Beginn der Anstiege nehme ich zunächst die Opferrolle ein und werde von den etlichen Teilnehmern geschluckt. Ich suche mein Heil aber in der Konstanz von A bis Z.

Sofern man über frische Beine verfügt, ist dieser Anstieg ein abwechslungsreicher Traum.

In etlichen Serpentinen windet sich die Straße durch Wälder und beglückt das Auge regelmäßig mit grandiosen Panoramaausblicken gen Tal.

Etwa nach der Hälfte wandelt sich das Bühnenbild, links und rechts der Straße dominiert nun schroffer Fels, Grau wird das neue Grün.

So hart wie die Natur rings herum wird auch die Konsistenz der Oberschenkelmuskulatur. Erste Krämpfe kündigen sich an, dem bewährten Rezept einfach locker weiter zu pedalieren, fehlt eine essentielle Zutat, die Möglichkeit locker weiter zu treten.

Ich versuche die Beine durch abwechselndes Treten im Sattel und Wiegetritt zu entlasten, habe bei den Witterungsverhältnissen zu Beginn sicherlich zu wenig getrunken, für Reue ist es nun aber zu spät. Dabei hat uns Lude immer wieder eingeprägt, den Griff zur Trinkflasche nicht zu vernachlässigen, auch wenn noch kein Durst präsent ist.

Irgendwie geht es aber voran, die Krämpfe lassen nach, obwohl locker treten bei 9-11 Prozent ein hoffnungsloses Unterfangen darstellt. Meine Beine rotieren stur weiter, die Passhöhe ist noch nicht in Sicht, daher kann ich meinen aktuellen Status im Massiv nur erahnen. Nach gut neun Stunden im Sattel spüre ich eine gewisse Mattheit. Zwar fahre ich seit Beginn des Anstiegs konstant mit einem 160er Puls (für mich als „Hochpulser“ nur mittlerer GA2 Bereich), werde aber das Gefühl nicht los, auf dem Notstromaggregat zu laufen. Von einer Schnecke unterscheiden mich eigentlich nur die fehlende Schleimspur und das Singleappartement auf dem Buckel.

Dennoch wurde ich seit der Baumgrenze nicht mehr überholt, sondern ziehe gemächlich an anderen Fahrern vorbei, bin immerhin eine Rennschnecke. Viele Leidensgenossen können nur noch laufen, kauern auf Mauern in der Hoffnung, der ermattete Torso lässt sich erneut motivieren, ein paar Meter zu rollen.

Diese kleinen Dramen ziehen sich durch alle Leistungsschichten, mit zunehmender Tendenz bei den Grupettoradlern des langgezogenen Fahrerfeldes, denen meine größte Bewunderung gilt. Derartige Szenen, die Schmerzen in den Gesichtern der Teilnehmer, spiegeln die Härte des Endura Alpen-Traums besonders plastisch wieder, untermauern dessen Mythos und tragen dazu bei, dass der imaginäre Wert der Finishermedaille für den magischen Moment der Zieleinfahrt und lange Zeit darüber hinaus nicht mit Gold aufzuwiegen ist.

Irgendwann, in weiter Ferne und noch größerer Höhe, erblicke ich die ersten Gebäude am Stilfser Joch oder wie kreative Spaßvögel es einst titulierten, den höchsten Rummelplatz Europas. Auch der Umbrailpass rückt rasch ins Blickfeld und ich steuere die Labe an, stopfe hastig salzige Salami in mich rein, die ich mit Suppe, Cola & nochmal Suppe abwechselnd runterspüle. Bin halt ein kleiner Gourmet, auch in lebensfeindlicher Umgebung ;-)

Dank Pause und Koffeinkick forciere ich mein Tempo und die letzten 300 Höhenmeter machen bar von Krämpfen wieder richtig Spaß, jetzt wo das Ziel in greifbarer Nähe liegt. Oben am Stilfser Joch gehen die Pferde dann vollends mit mir durch und ich schreie Flora und Fauna mit einer kleinen Jubelarie zusammen, ernte sogar verhaltenen Applaus (und bestimmt verständnislose Blicke). Beim Anlegen der Regenjacke für die lange Abfahrt wird mir bewusst, dass ich mal wieder kurz/kurz bis zur Passhöhe bei 4 Grad gefahren bin.

Nun wartet die Mutter aller Auf- & Abfahrten, die berühmten 48 Kehren des Stilfser Joch. Vor zwei Jahren wurde mein Unterfangen, den Stelvio hier am Bike Day zu erklimmen, von ergiebigen Schneefällen unterbunden und ich musste an der Franzenshöhe wie tausend andere Fahrer auf 2.200 Meter geknickt kehrtmachen.

Aber aus einer schnellen und adrenalingeschwängerten Abfahrt wird vorerst leider nichts. Die Blechkarawane vor mir zieht weiter, obwohl der Sultan Kurvendurst hat. Mir fehlt der Schneid, die gut Dutzend Fahrzeuge vor mir zu überholen, bis nach ca. der Hälfte ein älterer Kollege geschickt wie kühn vorbeizieht. Ich hänge mich dran, imitiere seine Manöver und geschwind lassen wir die Spaßbremsen hinter uns. Nach einer halben Stunde sind 1.500 Höhenmeter vernichtet, die Letzten für diesen Tag. Ab jetzt geht es bis zum Ziel meiner Träume in Sulden nur noch stramm bergauf.

An der letzten Labe entledige ich mich der warmen Handschuhe, Armlinge, Regenjacke und Windweste, energetisiere nochmals und freue mich auf die finalen 600 Höhenmeter. Ein unfassbares Hochgefühl ergreift Besitz von mir, speist Beine und Lunge mit frischem Elan.

Auch wenn ich eigentlich schon fix und alle bin, geht es mit gefühlt hohem Tempo in das erste steile Drittel mit Rampen bis zu 16 Prozent, als ob die Tour gerade erst begonnen hätte. Das Endorphin trickst die Psyche aus. Ich ziehe abermals an vielen Radlern vorbei, welche die letzten Kilometer teils komatös im Schongang rollen. Sulden wandert in mein Blickfeld, die Schemen des Ortsschilds huschen vorbei, ebenso die 1 Kilometermarke. 200 Meter vor dem Zielbogen ziehe ich nochmal einen völlig obsoleten Schlusssprint an.

Die seit dem Stilfser Joch brodelnde Hormonsuppe kocht endgültig über, auf einer Woge aus Endorphinen, Dopamin, Serotonin und anderen körpereigenen Opiaten surfe ich über die Ziellinie. Ich bin überhaupt nicht der Lage, meinen daraus resultierenden Emotionen gebührend Ausdruck zu verleihen, so intensiv hat mich der hausgemachte Drogencocktail noch nie gepackt.

Möge dieser Zustand doch nie enden.

Ich falle als erstem Greg in die Arme, der an der Ziellinie auf uns Alpecinis wartet. Die Pulsschläge hämmern immer noch durch meinen Körper, der fix und fertig ist. Vor zwei Wochen fühlte ich mich im Ziel nicht annähernd so wunderbar ausgekotzt, fuhr am Berg zu defensiv und konnte diese herrliche Emotion der absoluten Erschöpfung nicht in dieser Epe „genießen“. Kurz darauf freut sich Lude, dass ich wohlbehalten im Ziel eingetroffen bin, ist überrascht ob der (relativ) frühen Stunde, zu der ich eingetrudelt bin.

In 11 Stunden, 16 Minuten und 5,2 Sekunden habe ich mir den Alpen-Traum erfüllt. 10 Stunden und 43 Minuten davon effektive Fahrzeit. Mit meiner Leistung bin ich mehr als zufrieden. Rang 111 von 369 Fahrern, die es ins Ziel geschafft haben. Der letzte Teilnehmer traf 3 Stunden später ein, um 20:30 Uhr. 33 Starter scheiterten am Zeitlimit. Insbesondere aus sportlicher Sicht, und einen gewissen Ehrgeiz habe ich als ambitionierte Hobbylusche durchaus, ein befriedigender Schlussakzent. In Bimbach und beim Ötztaler landete ich weit hinter meinen Erwartungen.

Von dem schnellsten Alpecini Alex trennen mich zwar stolze 38 Minuten, aber unser Wahlmünchner fährt ohnehin in einer anderen Liga, hat in der kurzen Zeit unglaubliche Fortschritte gemacht. Teamchef Jörg hat für die 252 km 8:36 Stunden benötigt, muss heute noch dreißig zusätzliche Höhenzentimeter auf die dritte Stufe des Siegerpodests erklimmen.

Zwei kleine, leichte Italiener haben mal wieder als Erste den Zielstrich überquert. Roberto Cunico rundet als Seriensieger seine Saison perfekt ab.

Wer die konditionellen Voraussetzungen mitbringt und Höhenmeter und Pässe sammelt, dem sei der Endura Alpen-Traum ans Herz gelegt. Diese, nennen wir sie mal etwas härtere Tagestour quer über die Alpen, ist das perfekte Antidot, um der schleichenden Vergiftung des Arbeitsalltags entgegenzuwirken.

Hier wird eigentlich jede/r Jedermann/frau an sein/ihr Limit geführt, extremer noch als beim Ötztaler, auf dessen Finish man natürlich auch mehr als stolz sein kann. Auch den vielen Fahrern, die das Ziel aufgrund der engen Zeitvorgaben nicht erreichten bzw. deren Körper am Ende nicht mehr mitspielte, gebührt höchster Respekt. Alleine dieses Marathonmonster zu attackieren, dessen steile Rampen, anspruchsvolle Abfahrten und zermürbende Übergangspassagen zu bewältigen, ist aller Ehren wert.

Sofern man denn ein Freund harter Radmarathons ist, gestaltet man so eine Saison am besten als Fahrer für das Team Alpecin. Mit der Liste an Argumenten, ein Teil dieses fantastischen Jedermann-Projekts zu werden, könnte man fast die chinesische Mauer tapezieren.

Retrospektiv wurde meine hohe Erwartungshaltung übertroffen. Events, Material, Teamgeist, Organisation + Betreuung, Coaching und vor allem die vielen lieben Freunde, die ich in dieser Zeit gewann, alles Puzzlestücke die zusammengesetzt ein unvergessliches Motiv ergaben.

Nun bin ich ein All-Star, wie die vielen Alpecinis der früheren Jahrgänge. Teil einer verschworenen Gemeinschaft, die sich in Trainingslagern oder Rennen immer wieder begegnen wird. Glücklich, aber auch mit einer gehörigen Portion Wehmut blicke ich auf eine Saison zurück, die sich in dieser Form für mich nicht wiederholen wird. Einmal im Leben wie ein Profifahrer betreut worden zu sein, diese Erinnerung wird sich nun tief in den Katakomben meines Gedächtnisses niederlassen.

Wenn die Bewerbungsphase für das Team 2015 eingeläutet wird, ihr Ambitionen habt, euch bei harten Rennen so richtig zu schinden und Zeit wie Willen für eine adäquate Vorbereitung vorhanden sind, kann ich euch nur wärmstens ans Herz legen, euer Glück zu versuchen. Ich verspreche, ihr werdet es nicht bereuen.

Angie, Anna-Maria, Miri, Alex, André, Christian, Jörn, Lukas , Martin, Sascha und Sebastian. In der Kürze der Zeit habe ich Euch sehr lieb gewonnen. Wir waren nach meinem Dafürhalten ein bunter und sympathischer Haufen, jeder mit individuellen Voraussetzungen und Zielvorstellungen für diese ereignisreiche Saison. Es war mir eine große Ehre, mit Euch das Team Alpecin 2014 zu bilden, gemeinsam zu lernen, zu leiden und natürlich viel zu lachen. Ich hoffe, wir verlieren uns nicht so schnell aus den Augen und sehen uns alle bei der Abschlussfeier wieder. Hab mal grob überschlagen, von dem Geld was ich in die Mannschaftskasse gelöhnt habe, könnte ich mir eigentlich auch ein Wadentattoo stechen lassen. Darauf ein Prosit ;-)

Euer Flo

PS: Ich bin auch zuversichtlich, dass die Regenflatrate bei den Alpenmarathons nicht für die Ewigkeit Bestand hat.