300 Kilometer rund um die Mecklenburger Seen

Teamfahrerin Martina Weber berichtet über ihren längsten Tag im Sattel

175 Kilometer – von München zum Sylvensteinspeicher und wieder zurück – das war meine bisher längste Radtour. Am Samstag, den 30. Mai, sollte dies fast um die doppelte Strecke getoppt werden. In Begleitung meiner beiden Teamkollegen Daniel und Matthias standen die 300 Kilometer der Mecklenburger Seen Runde (MSR) an. Auf dieses Ereignis hatte ich mich wochenlang vor allem durch viele Ausdauerfahrten im Grundlagentempo vorbereitet und sehr gefreut. Bereits am Freitag gegen Nachmittag reiste ich zum Startort Neubrandenburg. Nachdem ich kurz im Hotel eingecheckt hatte, machte ich mich auf den Weg zum rund 5 Kilometer entfernten Kulturpark Neubrandenburgs. Diese schöne, am Nordufer des Tollensees gelegene Parkanlage stellte den Start- und Ziel-Bereich der MSR dar. Neben dem reinen Radsport-Event wurde hier ebenfalls ein umfangreiches Rahmenprogramm geboten. Es sorgten während der gesamten zweitägigen Veranstaltung auf einer Bühne verschiedenste Live-Acts für zusätzliche Unterhaltung. Ebenfalls konnte man sich auf der Outdoor-Fahrradmesse „SeenVELO-Expo“ zu verschiedensten Themen rund ums Rad informieren.
Nachdem ich mir meine Startunterlagen abgeholt hatte, traf ich auf die beiden Team Alpecin Allstars des Jahrgangs 2014, Sascha und Jörn, die bereits am Abend starteten, um durch die Nacht zu fahren. Nach einer gemeinsamen „Pasta-Party“ trudelten auch meine beiden Mitstreiter Daniel und Matthias ein. Gegen 20 Uhr verabschiedeten wir gemeinsam die beiden tapferen „Nachtfahrer“ und dann ging es auch schon wieder zurück ins Hotel. Am nächsten Tag hieß es früh Aufstehen, da wir um 6:30 Uhr starten wollten. Pünktlich um 4:30 Uhr klingelte nach einer unruhigen Nacht der Wecker. Als ich meine Augen öffnete, fiel mein erster Blick in Richtung Fenster. Strömender Regen und starker Wind, also perfekte Wetterverhältnisse für Wasserratten, aber nicht um 300 Kilometer zu fahren. Aber was soll‘s, wenn man erst mal auf dem Rad sitzt, gewöhnt man sich auch schnell an den Regen und solange man nicht friert, stellt die Nässe kein großes Problem dar. Wie nicht anders zu erwarten, fanden wir uns deswegen bereits pitschnass im Startbereich ein. Um nicht zu sehr auszukühlen, ging es etwas früher als geplant los und so fiel um 6:22 Uhr der Startschuss. In einer Gruppe von ca. 30 Fahrern wurden wir von der Polizei aus Neubrandenburg eskortiert. Am Ortsausgang zerteilte sich das Feld in mehrere Gruppen und so fanden auch wir uns in einer Gruppe mit einem angenehmem Fahrttempo wieder.

Nach 41 Kilometern erreichten wir die erste Verpflegungsstation in Feldberg, wo wir von gutgelaunten Helfern und lauter, stimmungsvoller Musik empfangen wurden, was zum einem kleinen Motivationsschub verhalf. Nach einem kurzen Snack machten wir uns als Trio an die Weiterfahrt. Nach einiger Zeit wurden wir von zwei netten Herren aus Braunschweig eingeholt, die uns die gesamte restliche Tour begleiteten und auch immer wieder mit Windschatten versorgten. Somit waren wir jederzeit eine Gruppe von mindestens 5 Fahrern, in der man sich bei teilweise starken Windböen und Gegenwind gut mit dem Voraus- und Windschattenfahren abwechseln konnte. Auf dem Weg zum zweiten Depot zeigte sich zwischenzeitlich sogar kurz die Sonne, allerdings musste man die Hoffnung, dass die Wolkendecke endlich aufzieht schnell wieder aufgeben und bald schon kam das kühle Nass nicht mehr nur noch von Unten, sondern auch wieder von Oben. Nach 78 Kilometern stoppten wir an der zweiten Station in Neustrelitz, wo es unter anderem Gemüseeintopf mit Backerbsen und heißen Tee gab, an dem man sich etwas Aufwärmen konnte. Beim Start von diesem Depot wie auch von allen weiteren, fanden sich immer wieder ein paar Fahrer, die sich uns anschlossen und ein Stück begleiteten. Gemeinsam rauschten wir auf der durchaus welligen Strecke sowohl an Einzelkämpfern, die sich allein im Gegenwind plagten, als auch an größeren Gruppen vorbei, von denen wir hin und wieder Fahrer mitrissen. An der dritten Verpflegungsstation, direkt am Hafen von Röbel gelegen, gab es Nudeln als warme Hauptmahlzeit. Hier kamen endlich wieder ein paar Sonnenstrahlen durch den wolkendurchzogenen Himmel und so konnten wir bei der Weiterfahrt für eine längere Zeit den Blick auf die wunderschöne Seenlandschaft, die traumhaften Alleen, saftigen Wiesen und blühenden Rapsfelder genießen. Bis zum nächsten Depot in der Nossentiner Hütte, hielt das trockene Wetter sogar an und der Tacho zeigte bereits 176 gefahrene Kilometer. Gerade, als wir uns wieder auf den Weg machen wollten, gab es noch einen kurzen, heftigen Schauer, den wir in der Unterkunft abwarteten. Nach dieser kurzen Zwangspause ging es wieder weitestgehend regenfrei 52 Kilometer weiter bis zur Verpflegungsstelle in Alt-Schönau. Hier konnte man sich an Feuerstellen oder mit Decken aufwärmen, was viele Fahrer dankenswerterweise nutzten. Von diesem Depot gestartet, hofften wir, die letzten 80 Kilometer im Trockenen hinter uns lassen zu können, da fing es laut an zu donnern und ein Unwetter zog auf. Es begann wie aus Eimern zu schütten, so dass man teilweise nicht mehr richtig seinen Vordermann sehen konnte. Das Trinken wurde ebenfalls überflüssig, da einem kontinuierlich die dicken Regentropfen durchs Gesicht flossen oder das Wasser vom Reifen des Vordermanns direkt in den Mund spritzte. Eine sehr leckere Angelegenheit. Für eine kurze Zeit prasselte sogar Hagel auf uns herab, der einem Arme und Oberschenkel massierte. An Bushaltestellen oder unter Bäumen zogen wir an Fahrern vorbei, die so versuchten dem Unwetter zu entkommen. Ich wäre an deren Stelle wohl eher erfroren und war froh, dass in unserer Gruppe keiner auf diese Idee kam und wir unsere Fahrt ohne wetterbedingte Unterbrechung bis zum vorletzten Verpflegungspunkt in Möllenhagen durchzogen. Nach einem dortigen kurzen Stopp beschlossen wir ausreichend gestärkt, das siebte und damit letzte Depot nicht mehr anzufahren. Das letzte Stück Richtung Neubrandenburg war eine breite, leicht abschüssige Landstraße, auf der man, mit der Vorfreude, dass man das Ziel gleich erreicht hat, nochmal richtig schön Speed aufnehmen konnte. Kurze Zeit später überfuhren wir, von vielen Zuschauern bejubelt, nach insgesamt 12 Stunden und 48 Minuten die Zielgerade der MSR. Ein einfach wunderbares Gefühl die 300 Kilometer geschafft zu haben.
Insgesamt habe ich, bis auf eine gelegentlich einschlafende linke Hand, die ich ab und zu schütteln musste, die MSR ohne jegliche Rücken- oder Sitzprobleme sehr gut überstanden. Aufgrund des angenehmen Tempos, dass am Ende zu einer reinen Fahrzeit von 10 Stunden und 23 Minuten führte und dem abwechselnden, kraftschonenden Windschattenfahren, gab es für mich auf der gesamten Strecke keinen Zeitpunkt, an dem ich Überlegungen angestellt habe, die Tour vorzeitig zu beenden. Allein der Zusammenhalt in der Gruppe und die gegenseitige Motivation ließ mich nicht daran zweifeln, dass ich die 300km nicht durchhalten könnte. Das für mich persönlich wohl unangenehmste am Ganzen war, sich nach dem Gang aufs stille Örtchen die nassen Klamotten wieder anzuziehen. Aber das ist wohl eher Jammern auf hohem Niveau.
Alles in allem war die MSR trotz des bescheidenen Wetters ein sehr beeindruckendes und empfehlenswertes Event. Es war eine gut ausgeschilderte, tolle Strecke in einer landschaftlich sehr schönen Umgebung, mit netten Mitfahrern und Helfern und mit, bis auf kurzen Kopfsteinpflasterabschnitten, einwandfreien Straßen. Ich werde wohl nächstes Jahr auch wieder mit am Start sein – dann hoffentlich bei besserem Wetter.