Ötztaler Radmarathon 2015

Team Alpecin-Jedermann-Gran Fondo-Fahrer Matthias Bröker berichtet über seinen ersten Ötzi:

Den Ötztaler Radmarathon bei Sommerwetter – also Sonnenschein und warmen Temperaturen – zu fahren, das klang nach den Erfahrungsberichten der vergangenen Jahre wie ein Sechser im Lotto. Aber passend zu dieser Jackpot-Radsportsaison hatte es der Radsportgott mal wieder gut mit uns gemeint und verwöhnte uns das gesamte Wochenende mit traumhaftem Sommerwetter.
Der Tag vor dem Wettkampf begann mit dem gemeinsamen Abholen der Startunterlagen. Bereits jetzt konnte man schon erahnen, was für ein großes Event uns bevorstand. Die Zielgerade war mit vielen Bannern geschmückt, viele Sponsorenstände aufgebaut und die halbe Stadt auf dem Rennrad unterwegs. Wir ließen den Tag nach einer kurzen Trainingseinheit mit dem obligatorischen Carbo-Loading ausklingen und verschwanden früh auf den Zimmern, weil der Wecker am nächsten Morgen um vier Uhr klingeln sollte. Nach dem gemeinsamen Frühstück in aller Frühe rollten wir dann bei Dunkelheit gemeinsam Richtung Startblock. Eigentlich dachte ich, dass wir eine Stunde vor Rennbeginn wohl einen Platz in den vorderen Startblöcken ergattern können, allerdings waren wir gefühlt die Letzten in der Startbox. Das mag wohl an den schon recht angenehmen Temperaturen und dem wolkenlosen Himmel gelegen haben.

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Pünktlich um 6:45 Uhr fiel dann der Startschuss in das Radsportabenteuer Ötztaler mit seinem 238 KM und 5500 Höhenmetern. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, solange wie möglich mit meinen Teamkollegen Alex und Nils zusammenzufahren. Dieser Vorsatz hielt nicht einmal drei Kilometer, dann hatte ich die beiden aufgrund meiner anfangs leicht lethargischen Fahrweise verloren. Eingehüllt in ein dichtes Pulk von Fahrern und einen Duft von ätherischen Massageölen raste ich die ersten Kilometer in Windeseile Richtung Ötz, von wo es dann zur ersten Bewährungsprobe, dem Kühtai mit 1200 Höhenmetern ging. Auf den ersten sechs Kilometern war es anfangs schwer zu überholen, weil das Feld dicht gedrängt Richtung Gipfel fuhr. In der zweiten Hälfte zog sich das Feld dann schon wie ein Kaugummi auseinander und ich konnte einige hundert Plätze gut machen. Dabei versuchte ich immer, im Bereich meiner Schwellenleistung zu fahren, um nicht schon am ersten Berg zu viele Körner zu verschießen. Neben den vielen applaudierenden Zuschauern an der Strecke verirrten sich auch immer mal wieder ein paar Kühe (der Name Kühtai ist Programm) auf die Strecke, die den einen oder anderen Teilnehmer zu einem kleinen Umweg zwangen. Dank unser Alpecin-Allstarmädels Claudi und Linda, die mir Getränke reichten, konnte ich die erste Verpflegungsstation auslassen und mich direkt auf die schnelle Abfahrt machen.

Mit kurzzeitig über 100 km/h ging es dann in traumhafter Kulisse zackig Richtung Innsbruck.

Im Schatten der legendären Skisprungschanze Bergisel folgte mit dem Brenner der zweite, allerdings bei Weitem leichteste Anstieg mit knapp 800 Höhenmetern auf 39 Kilometer. Hier war es sehr wichtig, dass ich eine größere Gruppe erwischte, um Kräfte für die beiden anstehenden Anstiege zu sparen. Bei dem langgezogenen Anstieg blieb sogar Zeit für das ein oder andere Gespräch mit den anderen Radsportverrückten. Auf dem Brenner machte ich eine erste kurze Pause, inhalierte eine Portion Nudeln und machte mich im Schatten einer 20 Mann starken Gruppe Richtung Sterzing auf. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich trotz der zwei Anstiege noch einen 30er Schnitt auf dem Pioneer, doch das sollte sich spätestens ab dem Anstieg Richtung Jaufenpass mit seinen 1130 Höhenmetern auf 15,5 Kilometern ändern. Die erste Hälfte des Passes war noch recht angenehm zu fahren, weil die Strecke dicht bewaldet war und man noch ein bisschen Schutz vor der Sonne suchen konnte. Trotz der im Schnitt mehr als sieben Prozent Steigung versuchte ich weiterhin, an meiner Schwelle möglichst kräfteschonend zu fahren. Allerdings zehrte die zweite Hälfte des Anstieges bereits ordentlich an meiner Kondition, da die Strecke entlang des Hanges ohne schützende Bäume immer steiler verlief. Während des Anstieges versuche ich, möglichst viel zu trinken und mir alle 20 Minuten ein Energy-Gel zu genehmigen. Entlang der Strecke kam trotz der Strapazen wieder richtiges Radsportfeeling auf, weil die Strecke mit zahlreichen Radsportfans gespickt war und man in der Ferne schon die Verpflegungsstation auf einer Art Hochplateau sehen konnte. Die Verpflegung auf dem Jaufenpass erreichte ich dann nach etwas weniger als anderthalb Stunden. Auch hier hielt ich mich nicht allzu lange auf, sondern füllte meine Trinkflaschen wieder auf und stopfte alle Trikottaschen mit Energy-Gels voll.
Die Abfahrt vom Jaufenpass war dann aufgrund der kurvigen Streckenführung und den unzähligen Quer- und Längsrillen extrem anspruchsvoll, machte aber auch einen Heidenspaß und ließ mich einem Moment lang die Anstrengungen des vorangegangenen Anstieges vergessen. Der Abfahrtsspaß dauerte allerdings nur 25 Minuten, ehe St. Leonard erreicht wurde und es in den finalen Hammeranstieg über das Timmelsjoch mit 28 Kilometer und knapp 1800 Höhenmeter ging. Bislang war ich gut sechseinhalb Stunden unterwegs und eigentlich recht zuversichtlich, den Ötzi in meinem gesteckten Zeitlimit von 10 Stunden bezwingen zu können, doch mit jedem Höhenmeter in praller Sonne nahm die Erschöpfung zu und ließ mich langsam an meinem Ziel zweifeln. Genau wie bei den Aufstiegen zuvor versuchte ich, möglichst viel zu trinken und alle 20 Minuten ein Gel zu mir zu nehmen, auch wenn mein Magen zunehmend mehr Probleme mit der Nahrungs- und Getränkeaufnahme hatte.

Während der zweiten Stunde, des schier unendlich anmutenden Anstieges, schaute ich immer wieder ungläubig in Richtung Bergspitze. Während ich halb in Trance weiter Richtung Himmel schlich, schloss ich gelegentlich die Augen und fragte mich, warum zum Teufel über 4000 Menschen inklusive mir sich um alles in der Welt eine derartige Tortur freiwillig antun...eine Antwort wollte mir partout nicht einfallen. Aber es half alles nichts, ich kurbelte unermüdlich weiter und ließ die letzte kleinere Verpflegungsstation aus, weil mein Magen eh keine feste Nahrung mehr aufnehmen konnte und meine Flaschen komischerweise noch relativ gut gefüllt waren. Ich kann gar nicht mehr genau sagen, wie viele Kehren ich in der Folge im Schneckentempo unter völliger Erschöpfung bezwang, jedenfalls erreichte ich nach 150 Minuten Qual endlich endlich endlich das Timmelsjoch und konnte mein Glück kaum fassen. Unser Betreuer Daniel meinte, dass jetzt nur noch ein kleiner Gegenhang auf mich warte und es ansonsten stumpf bergab gehe. Nach einer kurzen Abfahrt mit knapp 100 Sachen wartete dann der ominöse „Gegenhang“ auf mich. Ich versuchte möglichst viel Schwung mit in den Anstieg zu nehmen, aber auf einmal malträtierten Krämpfe meinen rechten Oberschenkel und Unterschenkel. Ich versuchte wie vorher schon einmal, den Schmerz einfach wegzukurbeln. Als dann aber auch mein linkes Bein in einen krampfartigen Zustand verfiel, sprang ich wie von der Tarantel gestochen vom Rad und versuchte, die Krämpfe angelehnt an eine Leitplanke zu bekämpfen. Ich hatte noch nie zuvor Krämpfe beim Rennradfahren und wusste deshalb nicht so recht, wie ich die Störenfriede am besten bekämpfen konnte. Ich trank direkt meine restlichen Wasserreserven und drückte mir die gefühlt vierzigste Ladung klebriges Energy-Gel rein. Nach einer Minute Power-Stretching ließen die Krämpfe nach und ich beschloss mit bangem Blick auf die fortschreitende Zeit, nochmal über die Schmerzgrenze zu gehen und die letzten 30 Höhenmeter sowie die nachfolgende Abfahrt so schnell wie möglich zu absolvieren.
Erst als ich die Mautstelle erreichte, wurde mir klar, dass es nach knapp 5600 Höhenmetern nur noch bergab ging. Während der Abfahrt wurde ich fast ein bisschen sentimental und mir schossen die Strapazen des Tages durch den Kopf. Zu einer großen Portion Stolz mischte sich aber auch ein Gefühl von Traurigkeit, weil mit dem Zieleinlauf in Sölden nach 9:41 Stunden das letzte große Teamevent nach einer einmaligen Radsportsaison beendet war. Dort empfingen mich unsere Betreuer sowie die beiden Alpecinis Alex und Nils, die bereits ihr verdientes alkoholfreies Weizen tranken. Bei einem Stück Pizza schoss dann der (zum Glück) letzte Krampf des Tages in meine Glieder, den ich mit mittlerweile traumwandlerischer Sicherheit wegmassierte. Wichtigste Nachricht des Tages: Alle Mitglieder des Team Alpecin sind sturzfrei im Ziel angekommen und haben dieses Monster gefinisht! Den Abend ließen wir dann beim Grillen und dem ein oder anderen Bier ausklingen.
Rückblickend betrachtet war es einfach eine wahnsinnig geile Radsportsaison, in der ich tolle Menschen kennengelernt habe und traumhafte Radsportevents erlebt durfte. Falls die Losfee es gut mit mir meint, wird der Ötzi nächstes Jahr auf jeden Fall wieder auf meiner To-Do-Liste stehen verbunden mit dem Vorsatz, mich mal wieder so richtig schön zu quälen. Denn schon eine Stunde nach dem Rennen lag die Antwort auf die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines Alpenmarathons, die ich mir während des letzten Aufstieges immer wieder gestellt habe, auf der Hand:

Because we love cycling!