Saisonhighlight Ötztaler Radmarathon

Team Alpecin-Jedermann-Rennfahrer Florian Blank über seine ersten Ötzi:

Ötzi, die vor knapp 25 Jahren gefundene Gletschermumie, musste ein erfrorener Rennradfahrer gewesen sein. Dieser wirre Gedanke schießt mir durch den Kopf als ich im Ziel in die zähneklappernden Gesichter der anderen Finisher blicke. Nasskalt & doch gleichzeitig wonnig warm wurden wir in Sölden empfangen, paradox? Mitnichten. Aufklärung folgt.

Gerne möchte ich schildern, wie mein erstes Mal war. Bitte nicht missverstehen, nicht das Horizontale sondern Vertikale erste Mal, ich schreibe ja nicht für die Bravo. Tat trotzdem gar nicht mal so weh ;-) (#Sauhund).

Blicken wir in kurz die nahe Vergangenheit, der kalte August klingt in Form von Regentropfen auf der Windschutzscheibe meines GTI aus. Ich steuere Sölden in Österreich an um am vorletzten Highlight der Saison, dem Ötztaler Radmarathon teilzunehmen.

Das Team Alpecin, einige All-Stars aus den vergangenen Jahren und natürlich der geniale Betreuertruppe hat sein Lager im Landhaus Hermann aufgeschlagen, welches gut 150m über dem Ortskern thront. Ein Wiedersehen mit den Liebgewonnenen, bei der Ankunft ist man zunächst eine Viertelstunde mit Drücken beschäftigt. Die Stimmung ist prächtig, eine Melange aus Vorfreude aber auch Ehrfurcht vor diesem Jedermann-Monument, welches uns am Folgetag erwartet. 227km, 4 Pässe und gut 5.200hm trennen uns von „unserem Traum“ (die 238km & 5.500hm resultieren aus einer alternativen Streckenführung die früher mal gefahren wurde).

Die spannendste aller Frage und Topthema, wie sind die Wetteraussichten für den Renntag? Das Szenario ändert sich stündlich aber Regen wird uns mit Sicherheit erwarten. Soviel ist klar. Die Ausfahrt gen Mittag gibt einen feuchten Vorgeschmack, fällt daher überschaubar aus.

Gegen Abend werden wir von Sascha im Express-Bulli zur Fahrerbesprechung kutschiert. Die Freizeitarena ist brechend voll, wir sitzen auf dem Boden vor der Tribüne und werden über die Besonderheiten & Tücken der Strecke informiert. Die Wetterfee versucht die Aussichten so charmant wie möglich zu verpacken, manch Teilnehmer passt die Mimik der nasskalten Prognose an.

Zurück im Hotel folgt ein ausgiebiges Briefing durch unseren Coach Lude. Bekleidungswahl, was verstaue ich wo in der Trikottasche etc.. Die meistens von uns haben eine Pacing Strategie im Kopf. Dank der Diagnostik im Radlabor wenige Wochen zuvor kennen wir unser Leistungsvermögen. Oberstes Gebot, nicht durch schnellere oder übermotivierte Fahrer verleiten lassen und sich das laaange Rennen gut einteilen. Möglichst unterhalb der Schwellenleistung treten und zeitig Nahrung aufnehmen, auch wenn sich der kleine Hunger noch bei Reimanns in Gainsville rumtreibt.

Wir entschwinden früh aufs Zimmer. Mir wurde eine Einzelkemenate zugewiesen. In der Kürze meiner Teamzugehörigkeit hab ich mir den Ruf des liederlichen Teamchaoten erworben, zu Recht wie die verstreute Kleidung auf dem Teppich zeugt. An Schlaf ist leider nicht zu denken. Statt über den Weidezaun hoppeln die Schafe die hiesigen riesigen Pässe hoch, ich bin zu aufgeregt und spiele allerlei Rennszenarien durch. Ein Event wie den Ötzi habe ich bis dato auch noch nicht erlebt. Bimbach Anfang Juni war von ähnlichem Kaliber, nur mit gänzlich anderem Streckenprofil, etliche mittelschwere Wellen. Meine Strategie: konservativ in die Berge fahren und tunlichst vermeiden die individuelle anaerobe Schwelle von 275 Watt langfristig zu überschreiten.

4:20 Uhr, genau meine Zeit um in den Tag zu starten (Achtung, war nicht ganz Ironie frei gemeint). Früher, als ich jenseits der 100-kg-Marke noch Großaktionär von Hüftgold war, bin ich zu dieser Stunde meist vom Daddeln am PC ins Bett gewandert.

Oli, Produktmanager bei Lightweigt, hat bis in die Nacht unsere famosen Specialized-Räder gewartet, verschlissene Ketten sowie Züge getauscht und auch den ein oder anderen Reifen neu aufgezogen. Vielen Dank nochmal an dieser Stelle, kann man nicht oft genug betonen wie viel Arbeit in so einer Saison für unsere unentbehrlichen Helfer steckt.

Gegen 6 Uhr rollen wir ins Tal Richtung Startbogen, ein obligatorisches Teamfoto und wir sortieren uns in der Startaufstellung ein. Ganz Sölden scheint auf den Beinen zu sein, über 4.000 Radler bevölkern die Hauptstraße.

Alles erinnert an Karneval in Rio, sofern man Sambatänzerinnen gegen adrenalingeschwängerte Rennradler tauscht, die in Kürze zum Beat des Kettenrasselns rhythmisch die Becken kreiseln lassen. Noch eine Dreiviertelstunde, dann startet mein Traum. Die Daunenjacke von Engelhorn spendet Wärme, darunter habe ich mich für Windweste, Trikot, Armlinge und Funktionswäsche entschieden. In der Rückentasche diverse Riegel und Gels, Langfingerhandschuhe und die Sturmprinz-Regenjacke von Assos, wenn es denn liquide wird.

Die letzte Vorhersage deutet auf den ersten Niederschlag am Jaufenpass hin, die dritte Welle für heute. Ach ja, unser Mitorganisator Daniel von der Roadbike hat mich zum Kamera-Kind auserkoren, fragte ob ich nicht Lust hätte einige Rennpassagen mit der neuen Garmin Virbe Elite, einer neuen Aktion-Cam, in Bewegtbildern zu erfassen. Gibt zum hoffentlich spannendes Material.

Die Handhabe ist jedenfalls denkbar einfach, den großen Schieber auf der linken Seite nach oben und die Virbe setzt die vorbeiziehende Landschaft in Szene. Das bekommt auch ein Grobmotoriker wie ich während dem hektischen Rennbetrieb hin.

Aus der Ferne, ich stehe sicherlich im hintersten Viertel des Feldes, vernehme ich endlich den erlösenden Böllerschuss, mit dem zum einen traditionell das Rennen gestartet aber Gerüchten zufolge auch der Dorfälteste erschossen wird um die Österreichische Pensionskasse zu entlasten.

Es vergehen noch einige Minuten und das Feld um mich herum begibt sich gemach in Bewegung. Panisch kommen erste Überlegungen hoch, wo ich eigentlich meine Jacke abgeben kann. Diese ist nicht wirklich geeignet um damit einen Radmarathon zu starten. Egal, die wird erst mal angelassen, auch wenn es viel zu warm für Daunen ist.

Das Grupetto nimmt Tempo auf, knapp 30 km verläuft die Straße sanft bergab Richtung Ötz. Als ob das Daunenkleid nicht schon irritierend genug wäre fällt mir auf, dass der Rox keine Wattwerte anzeigt obwohl ich morgens noch Powermeter und Radcomputer kalibrierte. Anhalten und Neustarten ist bei der zügigen Abfahrt keine Alternative, daher warte ich bis zum Kühtai, dem Auftakt der österreichisch-italienischen Höhenmetersymphonie. Vielleicht ist es auch besser, dass ich keine harten Leistungsfakten sehe, ackere ich doch schon zu Beginn wie ein Dementer durch die Radlermasse, um Plätze gut gewinnen.

Am Fuß des Passes binde ich die Jacke um die Hüfte, gebe damit ein ungemein dämliches Bild ab. Den Radcomputer muss ich indes neu starten. Nach etlichen Vermittlungsversuchen schafft es der DAU den Sigma Rox mit dem Quarq zu versöhnen und endlich wird wieder Fahrt aufgenommen. Dieses Prozedere hat mich ein paar wertvolle Minuten gekostet, die Daunenjacke schmiegt sich an ein rotes Nervenkostüm.

Der Vorteil bei einem Start am Ende des Feldes, man gehört überwiegend zu den Überholern, was psychologisch ne prima Sache ist, kommt man sich doch ungeheuer schnell vor. Physiologisch betrachtet aber ein großer Nachteil, die wirklich schnellen Leute sind auf und davon und die Suche nach Tempomachern fällt schwer, man muss selbst für Geschwindigkeit sorgen.

Zu meiner freudigen Überraschung begegne ich Jens zu Beginn des ersten Anstiegs, mit dem ich in der Heimat regelmäßig und meist zügig (für meine Verhältnisse) fahre. Getreu dem Motto geteiltes Leid ist halbes Leid gewinnen wir gemeinsam Höhenmeter und bahnen uns einen Weg durch die schwitzenden und keuchenden Massen.

Ein stetes Tempo zu halten ist schwer, da der Kühtai keine konstante Steigung aufweist. Ein Abschnitt mit 18% Steigung lässt in der Muskulatur scharfe Laktatsuppe brodeln.

Die Passhöhe ist rasch erreicht, mit ca. 250 Watt Durchschnittsleistung hab ich mein Blatt nicht überreizt, fühle mich noch frisch. Dennoch mache ich eine ausgiebige Pause an der ersten Labe, werde die Daunenjacke endlich an Olli los und verköstige die berühmten und noch viel schmackhafteren „Kraftkugeln“. Ein paar Stücke Kuchen, Brötchen und was sonst noch dargeboten finden auch noch ihren Weg in die Magendarmflora.

Dass diese Strategie nicht unbedingt die Cleverste ist, wird mir erst im Ziel bewusst. Gut 50 min habe ich in Summe an den Laben meine Kaumuskulatur trainiert. Dieses Delta zwischen reiner Fahrzeit und Gesamtzeit ist milde gesprochen suboptimal. Meine Teamkollegen haben hier teils keine 20 Minuten geopfert, manch Labe gar ausgelassen bzw. nur rasch Wasser nachgefüllt. Einer der Fehler aus denen ich im Nachhinein gelernt habe. Zu lange, zu viel!

Die erste Abfahrt naht, ich muss auf Kühe, Pferde und Weidegitter achten. Wiederkäuer haben sich taktisch am Straßenrand postiert, interessieren sich aber nicht für meine geschwinde Abfahrt. Am steilsten, leicht kurvigen Stück fehlen mir die Cochones, um es laufen zu lassen, andere schießen mit gefühlten 120 Sachen an mir vorbei während ich wiederum an Fahrern vorbeirauschen die ihrerseits wohl annehmen ich hätte 120 km/h auf der Uhr.

Es wird flach, auf dem Weg Richtung Innsbruck finde ich keine Gruppe deren Tempo meinen Vorstellungen entspricht. Ich mache den Fehler und springe von Pulk zu Pulk, trete teils deutlich und längere Zeit über der Schwelle. Für den Brenner, ein langgezogener Pass mit niedrigen Steigungsprozenten, möchte ich unbedingt eine schnelle Rotte erwischen.

Dies gelingt mir erst bei der Hälfte des Anstiegs, davor immer das gleiche Spiel. Sprungattacke zu einer Gruppe, kurz erholen und dann wieder mit forciertem Antritt in die nächste Kolonne. Ziehe dabei immer Kollegen mit, die sich an der Hatz aber leider nicht beteiligen.

Dabei ist die alte Brennerstraße zäh wie Kaugummi, um die 780 hm zu gewinnen, benötigt es knapp 40 km Distanz. Nach gut 20 km sind meine Bemühungen dann von Erfolg gekrönt und ich lasse mich diesmal brav lutschend bis zur Passhöhe ziehen.

Labe Nr. 2 wartet nach ca. 800 hm auf 1.370 Meter, das entspricht interessanterweise genau dem Höhenniveau von Sölden. Analog dem Kühtai stürze ich mich in die heiße Schlacht am kalten Buffet und verbummele abermals Zeit. So flach wie es bergauf ging ist auch der Weg hinab gen Italien. Mit 2-4% sorgte die Schwerkraft nicht so recht für Tempo.

Aus Ermangelung einer schnellen Masse sorge ich bei der Abfahrt und im Flachen wieder selbst für Vortrieb und komme mir irgendwann wie der Rattenfänger von Hameln vor, sind doch beim Einstieg in den Jaufenpass 5k m später locker 30 Teilnehmer in meinem Windschatten versammelt. Statt meinem Flötenspiel genossen die (passiven) Aktivisten lediglich meinen Windschatten und ziehen, als es steiler wird, grußlos an mir vorbei.

Ich vertraue den Angaben des Powermeters und achte darauf, in einem Leistungsfenster zwischen 220-240 Watt zu agieren. Dies liegt deutlich unterhalb meiner Schwelle aber der finale Anstieg nötigt mir einfach zu viel Respekt ab, da handle ich lieber defensiv (#Feigling).

Eine kurze Bestandsaufnahme ob der körperlichen Verfassung: Hintern schmerzfrei, Beine den Umständen entsprechend gut, Kondition passt, Nacken zwickt ein wenig aber nicht der Rede wert, Kessel hat noch Dampf. Die Tage zuvor war ich des Nachts unglücklich gebettet und wachte mit Rückenschmerzen auf, diese wurden von dem Alpecin Allstar Sandy erfolgreich mit kundigen Handgriffen behandelt (#1.000Dank).

Nach dem ersten Drittel habe ich die meisten Kollegen die nach meiner Windschattenspende an mir vorbeizogen eingeholt und arbeite mich stetig auf 2.000 Meter vor, wo Labe Nr. 3 und die liebe Angie aus unserem Team auf mich wartet und von Björn, unserem Fotografen beim Kuchenvertilgen abgelichtet wird.

Auch ich lasse, deutlich unfotogener als meine Kameradin, nicht lange bitten und versuche möglichst viel Süßkram auf einmal in den Mund zu stopfen, Björn kennt da wenig Scham und fokussiert auf meine Hamsterbacken. Eine innige Umarmung zwischen Angie und mir wird auch digital verewigt. Lukas – wenn Du die Bilder siehst, da oben ist nichts weiter gelaufen ;-).

Während Angie die letzten Höhemeter bis zum Pass in Angriff nimmt, begutachte ich noch die weitere Leckereienauslage und halte einen kurzen Schwatz (warum auch nicht, ist doch keine Eile geboten oder misst irgendwer die Zeit?). Petrus ist uns wohlgesonnen, zwar hat sich das Firmament merklich zugezogen, aber die Wolken geben ihre feuchte Fracht noch nicht preis. Die ersten Meter der Abfahrt muss ich an die mahnenden Worte der Veranstalter denken, hier wurde gestern auf Längsrillen und anspruchsvolle Radien hingewiesen.

Irgendwann bin ich mit sinkendem Risikobewusstsein (#Sauerstoffmangel) in einen Flow gekommen und nehme zunehmend Fahrt auf, es macht enorm Spaß durch die Kurven und Serpentinen zu swingen, die schönste Abfahrt des Tages ist viel zu schnell vorbei.

Anders als bei den Pässen zuvor wird den Beinen keine Aufwärmphase im flachen gegönnt sondern es geht subito zum Scharfrichter des Ötztaler Radmarathons, hinauf aufs Timmelsjoch. Knapp 1.800 hm, verteilt auf 28 lange Kilometer laden zur fröhlichen Tortur für Herz, Lunge, Gesäß & Beinmuskulatur ein.

Der Ort an dem es für viele Teilnehmer, die ihren Energiehaushalt nicht clever einteilten, hässlich wird. Also Vorhang auf für viele kleine Dramen in einem großen steilen Akt. In meinem Habitat hören die Anstiege nach max. 500 hm am Stück auf, die Anstiege in diesen Gefilden relativieren und degradieren die Erhebungen in meiner Heimat zu nichtigen Wellen.

Die Beine, bei der langen Abfahrt zumeist im Ruhemodus bekommen jetzt den harten Marschbefehl. Der linke Unterschenkel lässt sich diesen rüden Weckruf nicht bieten und quittiert unter einem fiesen Krampf erst mal seinen Dienst. Der linke Kollege steht bei mir meist auf der langen Leitung und reagiert mit ein wenig Zeitverzögerung ähnlich gereizt auf die Arbeitsanweisung.

Dank Coach Stefan Zelle haben wir aber die richtige Versöhnungsstrategie parat, um die geschundene Muskulatur zur Zusammenarbeit zu motivieren. Statt Rosen, Parfum & Kuscheleinlage ist das Motto Krampf ignorieren, nicht anhalten sondern in einem leichten Gang locker weitertreten. Und in der Tat, die dicken Haxen vergessen den Groll, malochen wieder als ob nichts gewesen wäre.

Wenn es für Konflikte mit dem holden Weib denn auch so ein schönes Patentrezept gäbe, das Radlabor verfügte über einen Platinergometer und würde in einem Loft aus schwarzem Marmor residieren.

Coach Zelle, der dann sicherlich ein Kashmirtrikot und Radlershorts mit Goldbrokat auftragen würde, ist zu dieser Zeit übrigens schon fast im Ziel. Bei seiner ersten Teilnahme hat er den Ritt in unfassbaren 8:12,30 Minuten bewältigt. Klasse! Auch Greg, unser Materialgott von Lightweight ist 13 Minuten später nach einer famosen Vorstellung noch trocken in Sölden angekommen (#soschnellwillichauchmalwerden).

Ich laufe derweil auf Angie auf, die bei der Abfahrt mangels körperlicher Masse für die Höhenmetervernichtung ein wenig länger brauchte als ich. Ihre Knie peinigen sie arg. Wir beschließen den letzten Buckel des Tages gemeinsam unter die Räder zu nehmen. Die Wattwerte stimmen jedenfalls, ich habe mir ein Leistungsfenster von ca. 220 Watt vorgenommen.

Das bedeutet einigermaßen lockeres Pedalieren im gehobenen GA1 Bereich. Die kommenden zwei Stunden gestalten sich erfreulich kurzweilig, wir lassen vergangene Team Alpecin-Abenteuer Revue passieren und vertreiben uns die Zeit mit teils makaberen Witzen. Im letzten Drittel setzt dann starker Regen ein, der uns aber nur peripher tangiert.

Angela hat an der Zwischenlabe ihr Knie eigenbehandelt (als Physiotherapeutin kennt sie die notwendige Griffe und Kniffe) und kann ein wenig entspannter, aber leider nicht schmerzfrei in die Pedale treten, was ihren Vortrieb zunehmend hemmt. Meine Beine indes signalisieren, dass noch jede Menge Kraft vorhanden ist und ich doch mal ein wenig oberhalb der Schwelle fahren könnte. Viel Berg ist auch nicht mehr übrig, knapp 500 hm trennen uns noch von der Kuppe. Ich freue mich sehr darauf gemeinsam mit Angie die letzte große Hürde des Tages gemeinsam zu meistern, da kommt es auf die eine oder andere Minute später im Ziel nicht wirklich an.

So hab ich ein gesundes Zeitfundament gelegt, welches ich bei kommenden Partizipationen unterbieten kann.

Eine spektakuläre Aussicht wird uns dann am Gipfel weniger geboten, Nebelschwaden und Regenschauer entzücken die Netzhaut nicht wirklich. Immerhin werde ich so in ferner Zukunft den potentiellen Enkeln von der martialischen Regenschlacht am Timmelsjoch berichten können (#damals). Wir trennen uns.

Angie holt sich die warme Assos-Jacke aus dem deponierten Kleidersack ab, während ich – bis dato noch kurz-kurz bei 5 Grad und Regen unterwegs (#Idiot) – nun die geniale Sturmprinz aus der Rückentasche zücke und mich in den finalen Countdown hinab gen Sölden einläute.

Mein Mindestziel, den Ötztaler in unter 10 h zu bewältigen. möchte ich unbedingt erreichen und fahre trotz nasser Fahrbahn entsprechend forsch. Da die Beine noch nicht zerschunden sind kann ich auf dem Gegenanstieg und den Flachpassagen viel Kraft investieren und ziehe fix an etlichen Teilnehmern vorbei.

Durch die intensive Belastung stellt sich auch kein Kältegefühl ein, ganz im Gegenteil. Obergurgl und Untergurgl haben zwar entschleunigende Namen, sind jedoch rasch passiert, der Tacho zeigt selbst in den flachen Passagen nie unter 40km/h an, Adrenalin hämmert durch alle Kanäle. Später entdecke ich auf Strava, dass ich bei dem Downhill-Segment „Descent Timmelsjoch-Sölden“ bei feuchtfröhlichen Verhältnissen auf Rang 15/601 gelandet bin und hinterfrage nachträglich meinen gesunden Menschenverstand (#hoffentlichliestdasnichtdieMutti).

Zwieselstein rauscht vorbei und schon finde ich mich auf der Hauptstraße in Sölden wieder und nähere mich dem Ziel. Das ganze Dorf ist seit dem Start auf den Beinen und bejubelt jeden durchnässten Fahrer, Gänsehautfeeling inklusive. Eine scharfe Rechtskurve über die Ötztaler Ache und nach langen 9:43,58 Stunden unterquere ich den Zielbogen. Körpereigene Drogen, primär Glückshormone, fluten aus allen Poren, ich kann nur noch grinsen. Die reine Fahrzeit lag bei 8:54,55 Stunden, ganz manierlich wie ich finde und deutet an, wo der Hebel zur Zeitverbesserung liegt.

Viele Teilnehmer im Zielbereich schlottern wie Espenlaub, ich lehne eine warme Decke dankend ab und stopfe, ist halt meine Kernkompetenz, schnell Nahrung in mich rein die den Zieleinläufern geboten wird, versuche den Moment und die Stimmung möglichst lange aufzusaugen.

Regen prasselt auf uns nieder aber das ist mir egal, schnell wird mir, nachdem ich den Zielbereich verlassen habe, auch kalt und ich mache mich auf den Heimweg in der Hoffnung vom Team oder zumindest der Heilsarmee aufgepäppelt zu werden. Treffe unterwegs dann Lude und einige Teammitglieder die sich beim Italiener an der Straße mit Kaffee und Pizza aufwärmen und die Zieleinläufe der Alpecinis & Friends abwarten.

Unser Oberguru Jörg hat trotz Messestress (Eurobike in Friedrichshafen) einen gigantischen siebten Rang erzielt, konnte lange Zeit das Tempo der Spitzengruppe um Vorjahressieger Roberto Cunico und Lokalmatador Stefan Kirchmaier mitgehen bzw. sogar gestalten bevor die leichten Bergflöhe den Turbo gezündet haben und für die Tortur etwas über 7 Stunden (!!!) brauchten. Leistungssphären in die ich (leider) nie und nimmer stoßen werde, eine beeindruckende Performance.

Sascha hat einen Busshuttle eingerichtet und ich bin froh, die 150 hm bis zum Hotel nicht mehr selbst hochackern zu müssen, die Sehnsucht nach einer sehr heißen Dusche wächst ins unermessliche. Oben warten bereits Alex (Teamschnellster mit einer Wahnsinnszeit von 8:39,36), André, Sebastian und Christian, die sich vor mir „Ihren Traum“ erfüllt haben und auch noch einen gestörten Endorphin Haushalt, erkennbar am dementen Dauerlächeln, aufweisen.

Nach ausgiebiger H2O-Behandlung bin ich aufgetaut und voller Tatendrang, simse den Lieben zuhause, dass ich nicht in irgendeine Schlucht gestürzt bin. Wir warten die Zieleinläufe der restlichen Teammitglieder ab, Angie mit der ich eine tolle Zeit am Timmelsjoch hatte, ist in unter 10 Stunden eingelaufen und auch alle übrigen Alpecinis kommen nach und nach durchweicht aber überglücklich ins Ziel geschneit (bei dem Wetter kann man das ruhig so formulieren). Eine gewaltige Leistung von jedem an diesem Tag, auch den vielen Helfern die uns schon frühmorgens bei den Laben unterstützt haben obwohl sie sicherlich gerne selbst am Start gewesen wären.

Wenige Stunden später haben wir uns alle beim Buffet versammelt, um die Speicher wieder aufzufüllen. Wenn ich es mir recht überlege, müsste ich bei meiner Energiezufuhr während dem Rennen eigentlich auf die Toilette gehen um, naja Ihr könnt es Euch denken, eine ausgeglichene Kalorienbilanz vorzuweise (#DankefürsKopfkino).

Der gemütliche Abend vergeht wie im Flug und das Schlafbedürfnis um 23 Uhr ist omnipräsent. Nach Frühstück und Abschied findet mit der Abholung des Finishertrikots der finale und leichteste Akt des fabulösen Wochenendes statt (#yeahichhabeins).

Um ein Fazit zu ziehen: für mich eine tolle Erfahrung und definitiv nicht mein letzter Ötztaler Radmarathon. Die Strecke ist ein herausfordernder Traum, die Atmosphäre (#Hammerpublikum) sucht sicherlich Ihresgleichen. Orgateam und die 1.000 freiwilligen Helfer runden das perfekte Bild ab, die Messlatte wird dadurch so hoch gelegt, dass die meisten vergleichbaren Events nur Limbo darunter tanzen können. In 2015 wurden laut den Veranstaltern bereits fruchtbare Gespräche ob sonniger Verhältnisse geführt.

Was meine Leistung angeht bin ich für den ersten Versuch einigermaßen zufrieden. Perspektivisch möchte ich aber die 9 Stunden-Marke durchbrechen, dafür muss ich die Pausenzeiten drastisch reduzieren, weiter vorne im Startblock auf schnelle Mitfahrer bauen um wenig Zeit vor und im Brenner liegen zu lassen und ferner am Jaufen, insbesondere aber dem Timmelsjoch mit deutlich mehr Druck fahren (#quäldichduSau).

Das ein oder andere Kilo weniger würde auch nicht schaden, ein BMI jenseits der 25 sollte jedenfalls realisierbar sein. Immerhin habe ich heute meine Grenzen und Möglichkeiten weiter ausgelotet. Überhaupt hat mir diese wunderbare Saison viele neue Erkenntnisse gebracht wie z.B. die Hitzeschlacht im Bimbach, bei welcher mir auf die harte Tour bewusst wurde, dass ich bei Temperaturen jenseits der 28 Grad sehr schnell mein Limit erreiche.

In weniger als zwei Wochen fällt dann der letzte Vorhang einer großartigen Saison für uns Alpecinis, der Endura Alpentraum von Sonthofen nach Sulden quer über die Alpen mit seinen 252km / 6.000hm wird uns nochmal alles abverlangen. Bis dahin heißt es einerseits von den Strapazen zu regenerieren aber dennoch eine gewisse Grundanspannung mit leichten bis mittelschweren Einheiten aufrecht zu halten damit der Körper nicht den Winterschlaf einleitet.

Auch dann wird Karla Kolumna wieder hautnah für Euch berichten und mit jeder Zeile hoffentlich wieder diese feine Gänsehaut bekommen, welche die Erinnerung an dieses einmalige Erlebnis mitbringt.

Bis dahin verbleibe ich mit einem frohgemuten „Kette rechts“
Euer Flo

PS: Bilder sind von unserem Fotografen Björn Hänssler